Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens klingt nach Sozialismus -- Staat besteuert, Staat verteilt, Bürger empfängt. Dieser Reflex ist verständlich, aber er übersieht eine entscheidende Alternative: Die Schweiz braucht keine Umverteilungsmaschine. Sie braucht ein Modell, das zu ihr passt -- dezentral, genossenschaftlich, eigenverantwortlich.
Die Antwort ist nicht ein Staatstransfer. Die Antwort ist eine Bürgerdividende.
Die Idee ist weder neu noch links.
Der Nobelpreisträger und Vater des Monetarismus schlug die negative Einkommensteuer vor: Wer unter einem Schwelleneinkommen liegt, zahlt nicht nur keine Steuern, sondern erhält eine Zuzahlung vom Staat. Keine Bedürftigkeitsprüfung, keine Bürokratie, kein Sozialarbeiter. Friedman wollte damit nicht den Sozialstaat ausbauen, sondern ihn abschaffen -- und durch ein einfacheres, marktkonformes System ersetzen [1].
Der andere grosse Liberale des 20. Jahrhunderts befürwortete ein Grundeinkommen aus demselben Grund: Es schafft Freiheit vom Staat, nicht Abhängigkeit. Ein minimales Sicherheitsnetz, das keine Bürokratie erfordert und keine Verhaltensvorschriften macht [2].
Alaska -- einer der konservativsten Staaten der USA, tiefrot republikanisch -- betreibt seit 1982 den Alaska Permanent Fund. Die Ölindustrie zahlt Lizenzgebühren in einen Staatsfonds, der heute über 80 Milliarden Dollar verwaltet. Jeder Einwohner Alaskas erhält jährlich eine Dividende -- 2022 waren es 3284 Dollar pro Person [3].
Kein Politiker hat je ernsthaft vorgeschlagen, den Fonds abzuschaffen. Er wurde von einem republikanischen Gouverneur eingeführt und ist das beliebteste Programm des Staates. Es ist keine Sozialhilfe. Es ist Miteigentum an der Wertschöpfung des Landes.
Der norwegische Government Pension Fund Global -- der grösste Staatsfonds der Welt mit über 1,7 Billionen Dollar -- speist sich aus Öl- und Gaseinnahmen und gehört dem norwegischen Volk [4]. Er investiert weltweit in Aktien, Anleihen und Immobilien. Norwegen ist nicht sozialistisch. Es ist eines der wettbewerbsfähigsten Länder der Welt, mit einer florierenden Privatwirtschaft. Der Fonds ist kein Instrument der Umverteilung, sondern der kollektiven Vermögensbildung.
Die Schweiz hat etwas, das weder Alaska noch Norwegen in dieser Form kennen: eine lebendige Genossenschaftstradition.
Ihre Logik ist weder sozialistisch noch kapitalistisch im angelsächsischen Sinn. Sie ist ur-schweizerisch: gemeinsames Eigentum, dezentrale Kontrolle, individuelle Verantwortung.
Ein Schweizer KI-Bürgerfonds wäre die logische Fortschreibung dieser Tradition:
Ein Sozialtransfer verteilt Einkommen -- von oben nach unten. Eine Bürgerdividende verteilt Eigentum -- jeder besitzt einen Anteil am Produktivkapital der Nation. Das erste schafft Abhängigkeit. Das zweite schafft Teilhabe.
| Phase | Zeitraum | Beschreibung |
|---|---|---|
| 1 | 2028--2035 | Bürgerdividende als Zuschlag neben der AHV (~500 CHF/Monat) |
| 2 | 2035--2045 | Steigende Dividende integriert die AHV-Rente (2500 CHF/Monat) |
| 3 | Ab 2045 | Vollständige Ablösung von AHV, IV, Sozialhilfe durch universelle Dividende |
Bezeichnend ist, dass ausgerechnet jene, die die Automatisierung vorantreiben -- Sam Altman, Elon Musk, Bill Gates --, am lautesten nach einem BGE rufen. Sie sind keine Sozialromantiker. Sie kennen die Zahlen.
Dieses Modell ist das Gegenteil von Sozialismus. Es nimmt dem Staat die Kontrolle über die Verteilung und gibt sie den Bürgern -- als Eigentümer, nicht als Bittsteller. Es verbindet die fiskalische Notwendigkeit einer Bürgerdividende mit der politischen Kultur der Schweiz.
[1] Friedman, Milton: Capitalism and Freedom. University of Chicago Press, 1962.
[3] Alaska Permanent Fund Corporation: Annual Report 2022.
[4] Norges Bank Investment Management: Government Pension Fund Global, Annual Report 2023.
[5] Migros-Genossenschafts-Bund: Geschäftsbericht und Kulturprozent.
[6] Schweizerische Nationalbank (SNB): Rechtliche Grundlagen und Unabhängigkeit.