Die Schweiz verfügt über eine KI-Forschungslandschaft, die im Verhältnis zur Landesgrösse einzigartig ist. Drei Institutionen bilden das Rückgrat:
Die Eidgenössische Technische Hochschule gehört regelmässig zu den zehn besten technischen Universitäten der Welt [1]. Das ETH AI Center, 2020 in Zürich-Oerlikon eröffnet, bündelt die KI-Forschung über Departementsgrenzen hinweg -- von der Medizin über die Robotik bis zur Klimawissenschaft [2]. Die ETH hat eine Tradition, die bis zur Gründung der Informatik als eigenständige Disziplin zurückreicht: Niklaus Wirth entwickelte hier die Programmiersprachen Pascal und Oberon [3].
Die École Polytechnique Fédérale de Lausanne steht der ETH in der KI-Forschung kaum nach. Sie ist besonders stark in den Bereichen maschinelles Lernen, Computer Vision und Robotik. Ihre Nähe zur französischsprachigen Schweiz und zum europäischen Forschungsraum macht sie zu einer Brücke zwischen der Deutschschweiz und dem internationalen Wissenschaftsbetrieb.
Das Istituto Dalle Molle di Studi sull'Intelligenza Artificiale, gegründet 1988, hat unter der Leitung von Jürgen Schmidhuber eine der folgenreichsten Innovationen des Deep Learning hervorgebracht: Long Short-Term Memory (LSTM) [4]. Diese Architektur ist die Grundlage für Spracherkennung, maschinelle Übersetzung und Textgenerierung -- Technologien, die heute Milliarden Menschen nutzen. Das IDSIA beweist, dass Grundlagenforschung nicht zwingend Milliarden-Budgets erfordert, sondern brillante Köpfe und institutionelle Freiheit.
Google beschäftigt in Zürich über 5000 Mitarbeiter [5]. Es ist der grösste Google-Standort ausserhalb der USA. Hier werden zentrale Produkte entwickelt -- Gmail, Google Maps, Google Assistant. Die Präsenz zeigt, dass die Schweiz für globale Technologiekonzerne nicht nur ein Steuerstandort ist, sondern ein Ort, an dem erstklassige Forschung entsteht.
Der AI-Preparedness-Index des Internationalen Währungsfonds bewertet, wie gut Länder auf die KI-Revolution vorbereitet sind -- gemessen an Infrastruktur, Humankapital, Regulierung und Innovation. Die Schweiz steht auf Rang 3 von 186 Ländern [6]. Nur Singapur und Dänemark schneiden besser ab.
Dieser Rang ist kein Selbstläufer. Er spiegelt jahrzehntelange Investitionen in Bildung, Forschung und eine liberale Wirtschaftsordnung wider. Aber er ist auch kein Freipass: Die Konkurrenz investiert massiv.
Die Einzelinitiativen sind beeindruckend. Was fehlt, ist eine nationale Systematik. Novartis, Roche und ABB setzen KI bereits ein -- aber das sind Einzelinitiativen grosser Konzerne. KMU, die 99 Prozent der Schweizer Unternehmen ausmachen, haben oft weder das Wissen noch die Mittel für den KI-Einsatz [7].
Die Forderung ist klar: Ein nationales KI-Kompetenzzentrum, das ETH, EPFL, IDSIA und die Fachhochschulen mit der Industrie verbindet. Mindestens 500 Millionen Franken öffentliche Mittel, kofinanziert durch die Privatwirtschaft [8]. Dazu:
Der Bund gibt rund 3,5 Milliarden Franken pro Jahr für den ETH-Bereich aus [9]. Gemessen an einer fiskalischen Lücke von potenziell 75 bis 116 Milliarden Franken durch KI-bedingte Arbeitsplatzverdrängung ist das ein Bruchteil. Eine Verdoppelung der KI-Forschungsmittel würde den Bundeshaushalt um weniger als ein Prozent belasten. Die Rendite -- Patente, Spin-offs, Steuereinnahmen, geopolitische Relevanz -- wäre um ein Vielfaches höher.
Diese Länder haben verstanden: Forschungsinvestitionen sind keine Kosten. Sie sind die einzige zuverlässige Quelle künftigen Wohlstands.
Jeder Franken, der hier investiert wird, ist kein Kostenpunkt -- er ist eine Versicherungsprämie gegen den wirtschaftlichen Abstieg.
Die Schweiz hat die Grundlagen. Was sie braucht, ist der politische Wille, diese Grundlagen in eine nationale Strategie zu übersetzen -- bevor andere Länder den Vorsprung aufholen.
[1] QS World University Rankings 2024--2025: ETH Zurich.
[2] ETH AI Center: Forschungsschwerpunkte und Partnerschaften, 2020.
[3] Wirth, N.: Algorithms + Data Structures = Programs. Prentice-Hall, 1976.
[4] Hochreiter, S. / Schmidhuber, J.: Long Short-Term Memory. In: Neural Computation 9(8), 1997.
[5] Google Switzerland: Standort Zürich.
[6] International Monetary Fund (IMF): AI Preparedness Index, 2024.
[7] Bundesamt für Statistik (BFS): Strukturelle Unternehmensstatistik, KMU-Anteil.
[8] Schweizerischer Bundesrat: Bericht «Künstliche Intelligenz in der Schweiz», 2024.
[9] Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF): BFI-Botschaft 2025--2028.
[10] Smart Nation Singapore: National AI Strategy 2.0, 2023.
[11] Senor, D. / Singer, S.: Start-up Nation: The Story of Israel's Economic Miracle. Twelve, 2009.
[12] Republic of Korea, Ministry of Science and ICT: AI Strategy, 2024.