Medizin ist im Kern ein Informationsproblem. Die menschliche Biologie erzeugt Daten in einer Menge und Komplexität, die kein einzelner Arzt verarbeiten kann: Genomsequenzen, Blutwerte, Bildgebung, Krankheitsgeschichten, Medikamenteninteraktionen. KI kann es.
Die Chance für die Schweiz liegt darin, dass sie zwei Welten zusammenbringt, die anderswo oft getrennt sind: Spitzenmedizin und Spitzeninformatik.
Bis 2045 wird KI bei der Diagnose seltener Krankheiten besser sein als der beste menschliche Spezialist. Bereits heute übertrifft KI Radiologen bei der Erkennung bestimmter Tumore in der Bildgebung [1]. Der Vorteil der Maschine: Sie vergisst nichts, sie wird nicht müde, und sie kann die gesamte medizinische Literatur in Sekunden durchsuchen.
Für seltene Krankheiten -- Erkrankungen, die weniger als 1 von 2000 Menschen betreffen -- ist das besonders relevant. Patienten mit seltenen Krankheiten warten heute im Durchschnitt fünf bis sieben Jahre auf eine korrekte Diagnose [2]. KI kann diese Odyssee drastisch verkürzen, indem sie Symptommuster über Millionen von Fällen abgleicht.
Therapiepläne, die auf dem genetischen Profil, der Krankheitsgeschichte und den Echtzeitdaten des Patienten basieren, werden zum Standard. Statt «One-size-fits-all»-Behandlungen erhält jeder Patient eine massgeschneiderte Therapie. Die Kosten sinken, weil Fehlbehandlungen und unnötige Medikamente wegfallen.
Das Schweizerische Personalized Health Network (SPHN), getragen von den Universitätsspitälern und der Swiss Academy of Medical Sciences, legt dafür bereits die Grundlagen [3].
Erste aus Stammzellen gezüchtete Ersatzorgane werden in der Schweizer Spitzenmedizin routinemässig eingesetzt. Die Forschung ist weit fortgeschritten: 2023 gelang es Forschern erstmals, funktionsfähige Mini-Organe (Organoide) zu züchten, die als Testumgebungen für Medikamente dienen [4]. Der nächste Schritt -- transplantierbare Organe aus patienteneigenen Stammzellen -- würde die Abstossung durch das Immunsystem eliminieren und die Wartelisten für Organtransplantationen auflösen.
Das USZ hat gemeinsam mit der ETH Zürich KI-Systeme für die klinische Diagnose entwickelt. Schwerpunkte sind die Bildgebung (Radiologie, Pathologie) und die Vorhersage von Komplikationen nach Operationen [5].
Das Centre Hospitalier Universitaire Vaudois kooperiert mit der EPFL in den Bereichen Neurowissenschaften und KI-gestützte Psychiatrie. Die Kombination von klinischer Erfahrung und technischer Innovation macht Lausanne zu einem Zentrum der medizinischen KI-Forschung [6].
Novartis und Roche, zwei der grössten Pharmakonzerne der Welt, setzen KI bereits in der Wirkstoffentwicklung ein. KI beschleunigt die Identifikation vielversprechender Moleküle von Jahren auf Monate [7]. Die Schweiz als Pharmastandort hat damit einen natürlichen Vorteil: Die Infrastruktur, das Wissen und die regulatorische Erfahrung sind bereits vorhanden.
Der grösste gesellschaftliche Effekt liegt nicht in der Verlängerung des Lebens, sondern in der Senkung der Gesundheitskosten.
Die Gesundheitsausgaben der Schweiz betragen rund 90 Milliarden Franken pro Jahr -- über 11 Prozent des BIP [8]. Ein erheblicher Teil dieser Kosten entsteht durch:
KI kann alle drei Kostentreiber reduzieren. Früherkennung verhindert teure Spätbehandlungen. Automatisierte Administration spart Arbeitsstunden. Personalisierte Therapie vermeidet Fehlbehandlungen.
Die durchschnittliche Lebenserwartung in der Schweiz liegt heute bei 84 Jahren [9]. Die Kombination aus KI-Diagnostik, personalisierter Medizin und regenerativer Medizin (Stammzellen-Organe) könnte diese auf über 95 Jahre steigern -- nicht in Pflegebetten, sondern in Vitalität.
Das hat Konsequenzen:
Die Technologie wird die medizinische Grundversorgung drastisch verbessern und verbilligen. Aber die grossen Profiteure werden nicht automatisch die Patienten sein -- sondern jene Unternehmen, die die medizinischen KI-Systeme besitzen. Ohne politische Regulierung droht eine Zweiklassenmedizin: erstklassige KI-Diagnostik für Zahlungskräftige, Standardbehandlung für den Rest.
Die Schweiz hat mit ihrem obligatorischen Krankenversicherungssystem (KVG) eine Struktur, die sicherstellen kann, dass KI-Fortschritte allen zugutekommen -- wenn der politische Wille vorhanden ist [10].
[2] EURORDIS: The Voice of 12,000 Patients. Rare Disease Survey, 2009.
[3] Swiss Personalized Health Network (SPHN): Strategy 2024--2028.
[5] Universitätsspital Zürich / ETH Zürich: AI in Clinical Medicine Partnership.
[6] CHUV / EPFL: Centre for AI in Healthcare, Lausanne.
[7] Novartis: AI in Drug Discovery. Roche: Computational Sciences.
[8] Bundesamt für Statistik (BFS): Kosten und Finanzierung des Gesundheitswesens, 2023.
[9] Bundesamt für Statistik (BFS): Lebenserwartung in der Schweiz, 2024.
[10] Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG), SR 832.10.