Stand: März 2026.
Militärische Resilienz bezeichnet die Fähigkeit von Streitkräften, trotz feindlicher Einwirkung — insbesondere durch Drohnen und Marschflugkörper — ihre Kernfunktionen aufrechtzuerhalten. Die Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg seit 2022 haben gezeigt, dass selbst moderne Streitkräfte verwundbar sind, wenn sie passive Verteidigungsmassnahmen vernachlässigen. Drohnenangriffe auf offene Parkpositionen, ungehärtete Munitionslager und exponierte Kommandoposten haben zu erheblichen Verlusten geführt.

Härtung bedeutet, die physische Widerstandsfähigkeit von Infrastruktur und Material so weit zu erhöhen, dass ein einzelner Drohnenangriff keinen katastrophalen Schaden anrichten kann. Dies reicht von einfachen Splitterschutzwällen bis zu bombensicheren Hangars.
In der NATO sind gehärtete Flugzeugshelter (Hardened Aircraft Shelters, HAS) seit dem Kalten Krieg Standard. Ein typischer HAS besteht aus einer Stahlbeton-Bogenstruktur mit Wandstärken von 30–60 cm, die gegen Splitter, Druckwellen und leichte Munition schützt. Die Schweizer Kavernensysteme — natürliche Felshöhlen, ausgebaut zu unterirdischen Flugzeugkavernen — gehen noch weiter: Sie bieten Schutz gegen Volltreffer konventioneller Munition [1].
Im Ukraine-Krieg hat sich gezeigt, dass Flugzeuge, die offen auf Vorfeldern parkiert waren, besonders verwundbar gegenüber Drohnenangriffen sind. RAND betont, dass Investitionen in Shelter und Hangars eine der kosteneffektivsten Massnahmen zur Erhöhung der Basisresilienz darstellen [2].
Für den schnellen Schutz in der Fläche eignen sich Splitterschutzwälle aus Erde, Sandsäcken oder vorgefertigten Betonmodulen (HESCO-Bastions). Diese schützen Fahrzeuge, Munitionsstapel und Personal vor Splittern und sekundären Trümmern. Im Ukraine-Konflikt wurden auch improvisierte Schutzbauten aus Schiffscontainern eingesetzt.
Für kritische Infrastruktur wie Kommandoposten, Kommunikationsanlagen und Energieversorgung umfasst Härtung:
Militärische Attrappen (Decoys) sind so alt wie die Kriegsführung selbst, erleben aber im Zeitalter autonomer Drohnen eine Renaissance. Moderne Attrappen müssen nicht nur visuell, sondern auch im Infrarot- und Radarbereich überzeugend sein, da Drohnen zunehmend mit multispektralen Sensoren ausgestattet werden.
Bewährte Methoden umfassen:
Tarnung gegen Drohnen erfordert einen Paradigmenwechsel: Während klassische Tarnung primär gegen Beobachtung aus horizontaler Perspektive konzipiert war, operieren Drohnen überwiegend von oben. Dies erfordert:
Über physische Attrappen hinaus umfasst Täuschung auch elektronische Massnahmen:
Das Prinzip der Verteilung basiert auf der Erkenntnis, dass die Konzentration wertvoller Ziele an einem Ort einen attraktiven Angriffspunkt schafft. Wenn eine einzige Drohnensalve ein Dutzend Kampfflugzeuge zerstören kann, ist die Lösung, diese Flugzeuge auf mehrere Standorte zu verteilen.
Die US Air Force hat als Reaktion auf die Drohnen- und Raketenbedrohung im Pazifikraum das Agile Combat Employment (ACE) Konzept entwickelt. Kernelemente sind [3]:
Die Schweizer Armee hat das Prinzip der Dezentralisierung historisch verinnerlicht. Das System der Kriegsflugplätze, der verteilten Munitionslager und der dezentralen Führungsstruktur basiert auf dem Grundsatz, dass kein einzelner Treffer die Kampffähigkeit entscheidend reduzieren darf. Im Kontext moderner Drohnenbedrohungen bedeutet dies:
Die RAND-Studie «Assessing Progress on Air Base Defense» (2024) dokumentiert eine systematische Unterfinanzierung passiver Verteidigung in den USA und bei NATO-Verbündeten [2]:
| Kategorie | Durchschn. jährliche Ausgaben (2019–2024) | Anteil |
|---|---|---|
| Aktive Verteidigung (Flugabwehr, C-UAS) | ca. 1,2 Mrd. USD | 60 % |
| Passive Verteidigung (Härtung, Dispersal) | ca. 0,8 Mrd. USD | 40 % |
Die Studie stellt fest, dass seit 2018 die Beschaffungsbudgets für Luftwaffenbasis-Verteidigung insgesamt gestiegen sind, die Ausgaben für passive Massnahmen jedoch deutlich hinter den Ausgaben für aktive Systeme zurückgeblieben sind.
RAND kommt zum Schluss, dass passive Verteidigungsmassnahmen «die kosteneffektivste Option zur Verbesserung der Basisresilienz» darstellen. Die Empfehlung lautet, das Verhältnis zwischen aktiven und passiven Investitionen auszugleichen, insbesondere angesichts der Proliferation kostengünstiger Drohnen. Ein Dollar, investiert in einen gehärteten Hangar, schützt dauerhaft — ein Dollar, investiert in eine Abfangrakete, ist nach einem einzigen Einsatz verbraucht [4].
Die RAND-Erkenntnisse sind auf europäische NATO-Staaten und die Schweiz übertragbar. Viele europäische Luftwaffenbasen haben ihre HAS-Infrastruktur nach dem Ende des Kalten Krieges vernachlässigt oder rückgebaut. Die Revitalisierung dieser passiven Infrastruktur ist angesichts der veränderten Bedrohungslage eine dringende Aufgabe.
Militärische Resilienz erfordert ein Gleichgewicht zwischen aktiver und passiver Verteidigung. Die Lehren aus der Ukraine zeigen eindeutig: Wer ausschliesslich auf aktive Abwehr setzt, wird in einem Abnutzungskrieg gegen kostengünstige Drohnen überfordert. Härtung, Täuschung und Verteilung bilden das strategische Fundament, auf dem aktive Abwehrsysteme wirksam operieren können.
[2] Assessing Progress on Air Base Defense: Past Investments and Future Options — RAND Corporation
[3] Countering the Swarm — Center for a New American Security (CNAS)
[4] David vs. Goliath: Cost Asymmetry in Warfare — RAND Corporation
[5] Air Defense Shapes Warfighting in Ukraine — RAND Corporation
[6] Passive Air and Missile Defense — Missile Defense Advocacy Alliance
[7] FACT SHEET: Department of Defense Strategy for Countering Unmanned Systems