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Forderung 9: Die Schweiz zur KI-Weltspitze machen

Wer KI importiert, exportiert Wertschöpfung. Wer KI exportiert, importiert Wohlstand.


Kernforderung

Innerhalb von fünf Jahren ein nationales KI-Kompetenzzentrum aufbauen, das ETH, EPFL, IDSIA und die Fachhochschulen mit der Industrie verbindet. Mindestens 500 Millionen Franken öffentliche Mittel, kofinanziert durch die Privatwirtschaft.


Die Ausgangslage: Besser als gedacht

Schweizer KI-Stärken

Die Schweiz hat eine KI-Landschaft, die weit über ihrer Grösse liegt:

Institution Beitrag
ETH Zürich Gehört zu den zehn besten technischen Hochschulen der Welt. ETH AI Center seit 2020 in Zürich-Oerlikon [1].
EPFL führend in Robotik, Computational Neuroscience und Machine Learning [2].
IDSIA Lugano Jürgen Schmidhuber und Sepp Hochreiter erfanden hier 1997 das LSTM-Netzwerk -- eine Grundlagentechnologie des Deep Learning [3].
Google Zürich grösster Google-Standort ausserhalb der USA, über 5'000 Mitarbeitende [4].
IWF AI Preparedness Index Schweiz auf Rang 3 von 186 Ländern [5].

Was fehlt

Einzelinitiativen gibt es viele. Was fehlt, ist eine nationale Systematik:

  • Kein koordiniertes nationales KI-Programm
  • Keine systematische Verbindung zwischen Hochschulforschung und Industrie-Anwendung
  • Fragmentierte Förderung über verschiedene Bundesstellen
  • Langwierige Bewilligungsverfahren für internationale Talente

Das nationale KI-Kompetenzzentrum

Struktur

Ein nationales KI-Kompetenzzentrum würde die bestehenden Stärken bündeln:

Säule Beteiligte Fokus
Grundlagenforschung ETH, EPFL, IDSIA Neue Algorithmen, Sicherheitsforschung
Angewandte Forschung Fachhochschulen (FHNW, ZHAW, BFH, HES-SO) Branchenlösungen, KMU-Transfer
Industriepartner Novartis, Roche, ABB, UBS, Swisscom, Start-ups Finanzierung, Anwendungsfälle, Skalierung
Bildung Alle Hochschulen + Berufsfachschulen KI-Lehrgänge, Weiterbildung, Umschulung

Finanzierung

Posten Betrag Einordnung
Öffentliche Mittel (Bund) 500 Mio. CHF über 5 Jahre 100 Mio./Jahr = 0,013% des BIP
Kofinanzierung Privatwirtschaft mindestens 500 Mio. CHF
Total mindestens 1 Mrd. CHF 0,025% des BIP über 5 Jahre

Einordnung: Was 500 Millionen wirklich bedeuten

Das Schweizer Bruttoinlandprodukt (BIP) betrug 2024 rund 813 Milliarden Franken [6]. Die geforderten 500 Millionen über fünf Jahre entsprechen 100 Millionen pro Jahr -- das sind 0,013 Prozent des BIP. Zum Vergleich:

Posten Betrag/Jahr Anteil am BIP
Geforderte KI-Investition 100 Mio. CHF 0,013%
ETH-Bereich (gesamtes Budget) 3'500 Mio. CHF 0,43%
Landesverteidigung 6'000 Mio. CHF 0,74%
Strasseninfrastruktur (ASTRA) 4'200 Mio. CHF 0,52%
Drohende fiskalische Lücke durch KI 75'000--116'000 Mio. CHF 9--14%

Die Rechnung ist ernüchternd: Die Schweiz riskiert eine jährliche fiskalische Lücke von 75 bis 116 Milliarden Franken -- und soll dagegen 100 Millionen pro Jahr investieren. Das Verhältnis beträgt 1:750 bis 1:1'160. Anders gesagt: Für jeden Franken, den die KI-Transformation den Staat kosten könnte, investiert man 0,1 Rappen in die Vorbereitung.

Die 500 Millionen sind kein ambitioniertes Programm -- sie sind das absolute Minimum. Gemessen an dem, was auf dem Spiel steht, ist die Forderung nicht zu hoch, sondern möglicherweise zu tief angesetzt [7].


Flankierende Massnahmen

Talente anziehen

  • Beschleunigte Bewilligungsverfahren: Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen für KI-Fachkräfte innerhalb von 30 Tagen (statt Monaten).
  • KI-Visum: Analogie zum Schweizer Fintech-Visum -- ein spezieller Aufenthaltstitel für KI-Forscher und Gründer.

Start-ups fördern

  • Steuerliche Anreize: Steuergutschriften für KI-F&E-Ausgaben.
  • Venture Capital: Öffentlich-private Fonds für KI-Start-ups in der Frühphase.
  • Spin-off-Förderung: Vereinfachte Ausgliederung von ETH/EPFL-Forschung in Unternehmen.

Internationale Vorbilder

Land Investition Ergebnis
Singapur 750 Mio. USD für nationale KI-Strategie KI-Hub für Südostasien [7]
Israel 300+ Mio. USD jährlich, plus Militär-Spin-offs "Start-up-Nation", führend in KI-Sicherheit [8]
Südkorea 2 Mrd. USD für KI bis 2029 Samsung, LG, Hyundai als KI-Treiber [9]

Die Lehre der Geschichte

Die Uhrenindustrie hat in der Quarzkrise der 1970er und 80er Jahre über 60 Prozent ihrer Arbeitsplätze verloren. Jäger, die im Jura mechanische Uhren zusammenbauten, fanden sich gegen Casio-Quartzuhren für zehn Dollar wieder. Totgesagt. Dann kam Swatch, dann die Renaissance der Luxusuhren. Heute ist die Schweizer Uhrenindustrie stärker als je zuvor -- weil sie auf Innovation und Qualität setzte, nicht auf Protektionismus [10].

Die Pharmabranche hat bewiesen, dass Grundlagenforschung sich auszahlt. Basel ist Welthauptstadt der Pharmazie, weil Roche und Novartis über Jahrzehnte in Forschung investiert haben.

Dieselbe Logik gilt für KI -- nur ist die Zeitskala kürzer und der Einsatz höher. Jeder Franken, der hier investiert wird, ist kein Kostenpunkt -- er ist eine Versicherungsprämie gegen den wirtschaftlichen Abstieg.


Quellen

[1] ETH AI Center, Zürich-Oerlikon.

[2] EPFL, AI Center und School of Computer and Communication Sciences.

[3] Hochreiter, S. / Schmidhuber, J.: Long Short-Term Memory. In: Neural Computation 9(8), 1997.

[4] Google Schweiz: Standort Zürich, über 5'000 Mitarbeitende.

[5] IWF, AI Preparedness Index, 2024.

[6] ETH-Rat: Strategische Planung und Budget ETH-Bereich.

[7] Singapur National AI Strategy 2.0, 2023.

[8] Israel Innovation Authority: National AI Program.

[9] Republic of Korea, Ministry of Science and ICT: AI Strategy, 2024.

[10] Federation of the Swiss Watch Industry: Jahresberichte.