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SW-Version alpha 0.41
Darstellung: System
Sprache: DE

Wie weiter? Strategische Optionen für die Schweizer Kampfflugzeugflotte

1. Die F-35A-Beschaffung und ihre Herausforderungen

1.1 Beschaffungsstatus

Die Schweiz hat im Juni 2021 den Typenentscheid zugunsten der F-35A Lightning II getroffen. Der Beschaffungsvertrag wurde im September 2022 unterzeichnet [1][2].

Parameter Wert Quelle
Typenentscheid 30. Juni 2021 [1]
Vertragsunterzeichnung September 2022 [2]
Volksabstimmung 27. September 2020, 50.1% Ja (8'670 Stimmen Differenz) [3]
Abstimmungsgegenstand Finanzrahmen von 6 Mrd. CHF für neue Kampfflugzeuge (nicht über den Typ) [3]
Ursprüngliche Stückzahl 36 F-35A [1]
Budget CHF 6 Milliarden (Bundesbeschluss) [4]
Beschaffungsweg Foreign Military Sales (FMS) via US-Regierung [2]

Aktuelle Lage (Dezember 2025): Der Bundesrat beauftragte das VBS, die "maximal mögliche Anzahl" F-35A innerhalb des Finanzrahmens von 6 Milliarden Franken zu beschaffen [4]. Die Formulierung "maximal mögliche Anzahl" statt der ursprünglichen 36 Stück signalisiert eine Reduktion auf 35 oder weniger Flugzeuge aufgrund der gestiegenen Preise [5][6][7].

Festpreis-Versprechen gebrochen: Die USA haben im Sommer 2025 einseitig Mehrkosten in der Höhe von CHF 650 Millionen bis 1.3 Milliarden Franken angekündigt [5][6][8]. Der Rüstungschef bezifferte die Bandbreite der Mehrkosten gegenüber den Medien [8]. Die ursprüngliche Zusage eines Festpreises ist damit faktisch hinfällig.

1.2 Herausforderungen F-35A

Verfügbarkeit (Mission Capable Rate)

Die flottenweite Verfügbarkeitsrate der F-35 ist laut GAO in den vergangenen fünf Jahren rückläufig. Keine der drei Varianten (F-35A, F-35B, F-35C) erreicht die vom US-Verteidigungsministerium gesetzten Verfügbarkeitsziele [9][10].

Metrik Wert Quelle
Flottenweite MC Rate (2023/2024) ca. 51-55% [9]
Verfügbarkeitstrend Rückläufig über 5 Jahre [9]
MUSS-Anforderung Schweiz >80% Abgeleitet aus Flottengrösse [4][11]
Konsequenz bei 35 Jets und 51% MC Rate ~18 einsatzfähig Berechnung

Verfügbarkeitsraten im Vergleich: Mission Capable Rate
Quellen: GAO-24-106703 (F-35), Herstellerangaben und unabhängige Analysen (Gripen, Rafale, Eurofighter). Nur der Gripen erreicht die Schweizer MUSS-Anforderung von >80%.

Betriebskosten

Metrik Wert Quelle
Cost per Flight Hour (CPFH) USD 34'000-36'000 (GAO 2024) [9]
Kosten pro Flugzeug/Jahr (Steady State) USD 7.5 Millionen (über dem Ziel von USD 6.8 Mio.) [9]
Globale Sustainment-Kosten (2018) USD 1.1 Billionen (Schätzung) [9][12]
Globale Sustainment-Kosten (2023) USD 1.58 Billionen (Schätzung) [9][12]
Steigerung +44% in 5 Jahren [9][12]
Gesamte Programmkosten (Lebenszyklus) >USD 2 Billionen [12]

Betriebskosten pro Flugstunde (CPFH) im Vergleich
Quellen: GAO (F-35), Stratpost (Gripen), UniBw München und Herstellerangaben (Eurofighter/Rafale). Bandbreiten berücksichtigen unterschiedliche Berechnungsmethoden.

Globale F-35-Programmkosten: Kostenexplosion
Quelle: GAO-24-106703 und GAO Blog (2024). Die globalen Lebenszykluskosten des F-35-Programms sind von USD 1.1 Bio. (2018) auf über USD 2 Bio. (2024) gestiegen.

Kanada als Warnung

Kanada hat 2022 den Kauf von 88 F-35A beschlossen. Der Bericht der kanadischen Auditor General (Juni 2025) dokumentiert massive Kostensteigerungen [13][14]:

Parameter Ursprüngliche Schätzung Aktuelle Schätzung (2024) Steigerung
Beschaffungskosten CAD 19 Milliarden CAD 27.7 Milliarden +46%
Worst Case -- CAD 33.2 Milliarden +75%
Infrastruktur Nicht vollständig budgetiert Milliarden-Zusatzkosten --

Zusätzlich identifizierte die Auditor General: Bauverzögerungen bei den Kampfgeschwader-Einrichtungen (>3 Jahre hinter Zeitplan), drohender Pilotenmangel und fehlende Risikomanagement-Pläne für Währungs- und Inflationsrisiken [13][14].

Kostensteigerungen: Kanada und Schweiz im Vergleich
Quellen: Globe and Mail, CBC (Kanada); SRF, NZZ, VBS (Schweiz, 2025). Die Schweizer Mehrkosten sind bislang geringer, aber die kanadische Erfahrung zeigt das Eskalationspotenzial.

Software-Verzögerungen

Das Technology Refresh 3 (TR-3) Prozessor-Upgrade, Voraussetzung für den Block 4 mit erweiterten Fähigkeiten, ist massiv verspätet. Das GAO berichtet von anhaltenden Verzögerungen bei der Auslieferung [15].

US-Flottenreduktion

Die USA selbst planen, die F-35 weniger zu fliegen als ursprünglich vorgesehen -- unter anderem aufgrund von Zuverlässigkeitsproblemen [12].

1.3 ITAR-Abhängigkeit und Souveränitätsrisiken

Die F-35A unterliegt vollständig dem US-Exportkontrollrecht (International Traffic in Arms Regulations, ITAR). Dies hat weitreichende Konsequenzen für die Schweiz als neutralen Kleinstaat [16][17].

ITAR-Restriktionen im Detail

Einschränkung Auswirkung für die Schweiz Quelle
Einsatzgenehmigung USA können den Einsatz oder die Verlegung an Bedingungen knüpfen [16]
Wartungsbeschränkungen Bestimmte Wartungsarbeiten erfordern US-zertifiziertes Personal [16]
Waffenintegration Integration nicht-amerikanischer Waffen erfordert US-Genehmigung [16]
Software-Updates Updates der Missionssoftware erfolgen ausschliesslich nach US-Freigabe [18]
Technologietransfer Weitergabe technischer Dokumentation an Schweizer Ingenieure unterliegt US-Genehmigung [16]
Re-Export-Verbot Kein Weiterverkauf an Drittstaaten ohne US-Genehmigung [16]

ALIS/ODIN: Datenabfluss an Lockheed Martin und US-DoD

Das Autonomic Logistics Information System (ALIS), inzwischen umbenannt in ODIN (Operational Data Integrated Network), ist das IT-Rückgrat der F-35. Es sammelt Wartungs-, Logistik- und taktische Daten (Flugrouten, erkannte Bedrohungen) und teilt diese weltweit mit allen F-35-Betreibern [19][20].

Non-US-Partner haben wiederholt Bedenken bezüglich Datensouveränität und Cybersicherheit geäussert [19]. ODIN soll zwar im Gegensatz zu ALIS im Eigentum des US-Verteidigungsministeriums statt des Herstellers stehen, doch das Cloud-Backbone läuft über kommerzielle US-Hyperscaler (Microsoft, Amazon) [20].

Mission Data Files (MDF): Das "Gehirn" des Jets

Die Mission Data Files enthalten hochsensible nachrichtendienstliche Informationen über gegnerische Bedrohungen -- Radarprofile, elektronische Ordnung der Bedrohung, Waffenparameter. Nur die USA erstellen und kontrollieren diese Dateien [21][22]:

  • Der Partner Support Complex (PSC) auf der Eglin AFB (Florida) erstellt die MDF
  • Israel ist das einzige Land mit vollständig eigenständigem MDF-Zugang
  • Alle anderen Partner sind auf US-Kooperation angewiesen
  • Die Schweiz als FMS-Kunde steht hierarchisch unter den ACURL-Partnern (UK/AUS/CAN)
  • Keine eigenen Reprogramming-Kapazitäten möglich

Kein Quellcode-Zugang

Die F-35-Missionssoftware umfasst über 25 Millionen Zeilen Code, vollständig unter US-Kontrolle. Kein Partnerland erhält Lese- oder Auditrechte. Die Schweiz kann keine eigenständigen Sicherheitsaudits der Missionssoftware durchführen [18].

Global Spares Pool: Keine nationale Bevorratung

Ersatzteile werden über einen globalen Pool verteilt, der von US-Priorisierung abhängt. Eine autonome Schweizer Ersatzteillagerung für Monate -- wie für einen neutralen Staat erforderlich -- ist im F-35-System nicht vorgesehen.

Systemischer "Kill Switch"

Kein physischer Schalter ist nötig, um eine F-35-Flotte lahmzulegen. Das Zurückhalten von Ersatzteilen, Software-Updates oder MDF-Aktualisierungen degradiert eine Flotte innerhalb von 30-60 Tagen operativ [23][24].

Historische Präzedenzfälle

Fall Massnahme Konsequenz Quelle
Türkei (2019) Kauf des russischen S-400-Systems Ausschluss aus dem F-35-Programm, CAATSA-Sanktionen [25]
VAE (2021) Huawei/5G-Bedenken F-35-Deal faktisch gescheitert [26]
Pakistan F-16-Einsatzbeschränkungen über Jahrzehnte Eingeschränkte Souveränität bei Wartung und Einsatz [25]

Diese Fälle belegen, dass die USA ITAR-Restriktionen als aussenpolitisches Druckmittel einsetzen -- unabhängig von bestehenden Verträgen.


2. Bedrohungslage und Sicherheitsumfeld

2.1 Veränderte Bedrohungslage Europa

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die sicherheitspolitische Landschaft Europas fundamental verändert. Die Transformation der russischen Streitkräfte unter dem Druck des Abnutzungskrieges -- von klassischer mechanisierter Doktrin hin zu drohnengestützter Kriegführung mit industrieller Massenproduktion -- hat direkte Implikationen für die europäische Sicherheit [27][28][29].

Hyperschallwaffen:

Waffensystem Geschwindigkeit Reichweite Status Quelle
Kinzhal (Kh-47M2) Mach 10 (russische Angaben; ukrainische Messungen: ca. Mach 3.6) 500-2'000 km Im Einsatz (Ukraine) [30]
Zircon (SS-N-33) Mach 8-9 250-500 km Im Einsatz seit Feb. 2024 (Ukraine) [30][31]

Drohnenschwärme: Die russische Kriegswirtschaft produziert Shahed-136/Geranium-2-Drohnen in grosser Stückzahl. Im Oktober 2025 setzte Russland ca. 5'300 Shahed-Drohnen, 74 Marschflugkörper und 148 ballistische Raketen gegen die Ukraine ein -- eine Verdreifachung gegenüber dem Vorjahreszeitraum [32]. Die Kostenasymmetrie ist fundamental: Eine Shahed-Drohne kostet USD 20'000-50'000, eine Patriot-Abfangrakete USD 3-4 Millionen -- ein Verhältnis von 1:150 [33].

Hybride Kriegführung: Russland führt bereits einen hybriden Krieg gegen Europa, der Spionage, Sabotage, Cyberangriffe und Desinformation umfasst [34]. GRU-Sabotageakte gegen europäische Infrastruktur sind dokumentiert.

2.2 Spezifische Bedrohungen für die Schweiz

Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) veröffentlichte 2025 den Lagebericht "Sicherheit Schweiz 2025" mit einer historisch einmaligen Einschätzung [35][36].

Das Lageradar des NDB zeigt 15 Brennpunkte gleichzeitig [35]. Die Schweiz ist nicht Beobachterin, sondern Betroffene der globalen Konfrontation.

Spezifische Bedrohungen:

Bedrohung Beschreibung Relevanz für Luftverteidigung
Alpen als Radarschatten Tieffliegende Marschflugkörper nutzen Terrain Masking in Alpentälern; FLORAKO-Radar endet an der Grenze Konventionelle Radarabdeckung hat Lücken
Transitraum Schweiz als potenzieller Transitraum für Luftangriffe auf NATO-Ziele Neutralitätsschutz erfordert Luftraumkontrolle
Topografische Blindheit Täler ohne Look-Down-Fähigkeit für bodengestützte Radarsysteme Kampfflugzeuge mit Look-Down/Shoot-Down-Fähigkeit nötig
Zeitproblem Hyperschallwaffen von österreichischer Grenze nach Bern: <45 Sekunden bei Mach 8 Nationale Frühwarnung allein reicht nicht
Verwundbare KRITIS Energienetz, Finanzzentrum (SIX), Logistik (Rhein), Bahn Müssen aus der Luft verteidigt werden können
Spionage-Hub Genf/Bern als Ziele russischer und chinesischer Nachrichtendienste (NDB 2025) Erhöhte Bedrohung im Vorfeld von Konflikten

Quellen: NDB Lagebericht 2025 [35], SWP 2023 [37], armasuisse Hyperschall [38], RUSI 2024/2025 [27][28]

2.3 Konsequenz für Luftverteidigung

Die Bedrohungsanalyse ergibt drei zwingende Schlussfolgerungen:

  1. Rein nationale Verteidigung reicht nicht. Die Reaktionszeiten bei Hyperschallwaffen sind zu kurz für ein Land mit den Dimensionen der Schweiz. Ohne europäische Frühwarnung fehlen entscheidende Sekunden bis Minuten.

  2. Europäische Frühwarnung (ESSI) ist physikalisch notwendig. Das "Recognized Air Picture" (RAP) erweitert den Detektionshorizont um 300-500 km über die Schweizer Grenzen hinaus und gibt der Luftverteidigung die nötige Vorwarnzeit [39][40].

  3. Suspendierungsklausel wahrt Neutralität. Die Schweiz hat bei ihrem ESSI-Beitritt (Oktober 2024) eine unilaterale Erklärung abgegeben, die den Rückzug aus der Kooperation bei einem bewaffneten Konflikt eines ESSI-Mitglieds ermöglicht [39][40][41].


3. Was die Schweiz braucht: Anforderungsprofil

3.1 Kernaufträge

Die Schweizer Luftwaffe hat zwei Kernaufträge:

  1. Luftpolizeidienst 24/7 QRA (Quick Reaction Alert): Seit 2021 rund um die Uhr mit bewaffneten Kampfflugzeugen sichergestellt [42]
  2. Luftverteidigung im Ernstfall (Landesverteidigung): Verteidigung des Schweizer Luftraums allein oder in Kooperation mit Nachbarstaaten [11]

3.2 Anforderungen Luftpolizei

ID Anforderung Priorität Begründung
LP-001 24/7 QRA-Fähigkeit mit mind. 2 bewaffneten Flugzeugen in Bereitschaft MUSS Seit 2021 operativ umgesetzt [42]
LP-002 Reaktionszeit: Start innerhalb 15 Minuten nach Alarm MUSS QRA-Standard [42]
LP-003 Identifikation und Abfangen im gesamten Schweizer Luftraum MUSS ~10 Hot Missions, ~200 Live Missions/Jahr [42]
LP-004 Visuelle Identifikation (Tag und Nacht) MUSS Nachtflugfähigkeit mit Infrarot/Nachtsicht
LP-005 Eskortierung und kontrollierte Umleitung ziviler Luftfahrzeuge MUSS Standardverfahren bei Luftraumverletzungen
LP-006 Sicherung von Grossanlässen (WEF, UNO-Konferenzen) MUSS Regelmässiger Auftrag [43]
LP-007 Autonomer Betrieb ohne Abhängigkeit von ausländischen Systemen MUSS Neutralitätsprinzip [44]
LP-008 Tiefe Betriebskosten pro Flugstunde SOLL Budgetrestriktion [4]

3.3 Anforderungen Landesverteidigung

ID Anforderung Priorität Begründung
LV-001 Luftüberlegenheit: Luftkampf BVR und WVR MUSS Kernauftrag [11]
LV-002 Bekämpfung von Marschflugkörpern und ballistischen Zielen (mit BODLUV) MUSS Veränderte Bedrohungslage [11][35]
LV-003 MC Rate >80% im Ernstfall MUSS Bei 35 oder weniger Flugzeugen ist jedes einzelne kritisch [4]
LV-004 Dezentralisierung: Betrieb ab mehreren Standorten MUSS Bundesrat hat Dezentralisierung beschlossen [45]
LV-005 Kavernentauglichkeit (Meiringen) SOLL Einziger aktiver Kavernenflugplatz [46]
LV-006 EMCON-Betrieb (Emissionskontrolle, minimale Abstrahlung) SOLL Überlebensfähigkeit [11]
LV-007 Durchhaltefähigkeit: Autonomer Betrieb über Wochen ohne externen Nachschub MUSS Neutralität erfordert Logistik-Unabhängigkeit [11][44]
LV-008 Luftgestützte Aufklärung und Zielzuweisung für BODLUV SOLL Vernetzung mit Patriot [11][47]
LV-009 Integration in vernetztes Luftverteidigungssystem MUSS Air2030 als Gesamtsystem [11][47]
LV-010 Flottenumfang: 55-70 (Expertenbericht), realistisch 28-36 (Budget) KRITISCH Expertengruppe vs. Bundesrat [4][11]

3.4 Technische Anforderungen

ID Anforderung Priorität Begründung
TA-001 Modernes AESA-Radar MUSS Stand der Technik
TA-002 Fused Situational Awareness (vollständige Sensorfusion) MUSS Entscheidender Kampfwertvorteil
TA-003 BVR-Kampffähigkeit (AMRAAM oder Meteor) MUSS Erstkampf-Überlebensfähigkeit [11]
TA-004 WVR-Kampffähigkeit (AIM-9X oder IRIS-T) + Bordkanone MUSS Luftpolizei und Nahkampf
TA-005 Elektronische Kampfführung (EloKa-Suite) MUSS Überlebensfähigkeit
TA-006 NATO-kompatible Datenlinks (Link 16) + autonomer Betrieb MUSS Interoperabilität ohne Mitgliedschaft [44]
TA-007 Europäische SATCOM-Lösung (ohne Abhängigkeit von US-MILSATCOM) MUSS Souveräne Kommunikation im Ernstfall [11][44]
TA-008 Stealth-Eigenschaften (reduzierter Radarquerschnitt) SOLL Überlebensvorteil, aber nicht zwingend für Luftpolizei
TA-009 Supercruise oder >Mach 1.5 SOLL Schnelle Raumgewinnung im Alpenraum
TA-010 Einsatzradius min. 500 nm SOLL Abdeckung gesamter Luftraum ab jedem Flugplatz
TA-011 Nachtkampf- und Allwetterfähigkeit MUSS 24/7-Einsatz
TA-012 Wachstumspotenzial (30+ Jahre) SOLL Lebensdauer bis 2060+ [4]
TA-013 Silent Attack: Bekämpfung ohne eigene Radaremission MUSS Überlebensfähigkeit

Silent Attack -- Bekämpfung ohne eigene Radaremission

Im modernen Luftkampf verrät jede aktive Radaremission die eigene Position. Moderne ESM-Systeme erfassen gegnerische Radarstrahlung auf Distanzen, die das Zwei- bis Dreifache der eigenen Radarreichweite betragen. Ein Kampfflugzeug, das im Ernstfall überleben will, muss über emissionsarme oder vollständig passive Bekämpfungsoptionen verfügen.

Methode Funktionsweise Einsatzzweck
ARM (Anti-Radiation Missile) Raketen, die auf feindliche Radaremissionen einlenken (z.B. AGM-88 HARM/AARGM) Bekämpfung von Luftabwehrradaren ohne eigene Radaremission
HOJ (Home-on-Jam) Raketen mit HOJ-Fähigkeit lenken auf gegnerische Störsender ein Bestrafung elektronischer Störmassnahmen
IRST-basiertes Targeting Rein optisch/infrarot-gestützter Waffeneinsatz über IRST-System Luft-Luft-Bekämpfung vollständig passiv
Third-Party Targeting Passive Sensoren + Zieldaten über verschlüsselte Datenlinks (Link 16) von anderen Plattformen Netzwerkgestützter Kampf: Ein Flugzeug lokalisiert, ein anderes bekämpft

EMCON-Profil (Emission Control): Der gesamte Silent-Attack-Ablauf wird unter Funkstille geführt: Kein aktives Radar, kein aktiver Datenlink-Sender, keine Funkemissionen. Das Flugzeug operiert mit passiven Sensoren (ESM, IRST) und empfängt Datenlinks nur lesend.

3.5 Souveränitäts-Anforderungen

ID Anforderung Priorität Begründung
SO-001 Autonomer Betrieb ohne Freigabe durch Herstellerland MUSS Neutralitätsgebot, Kill-Switch-Risiko
SO-002 Offene Systemarchitektur (OSA): dokumentierte Schnittstellen, modularer Aufbau MUSS Langfristige Unabhängigkeit
SO-003 Quellcode-Zugang: mind. Lese-/Auditrechte, idealerweise Modifikationsrechte MUSS Sicherheitsaudits, nationale Anpassungen [18][49]
SO-004 Kein ITAR-Lock-in MUSS ITAR gibt De-facto-Vetorecht; unvereinbar mit Neutralität [16][17]
SO-005 Transfer of Technology (ToT): vertraglicher Technologietransfer MUSS Eigenständige Wartung, Durchhaltefähigkeit
SO-006 Integration nicht-amerikanischer Waffen und Sensoren MUSS Flexibilität bei Bewaffnung (Meteor, IRIS-T, europäische EloKa)

Offene Systemarchitektur (OSA)

Eine offene Systemarchitektur bedeutet dokumentierte, standardisierte Schnittstellen statt einer monolithischen Black Box:

  • Hardware-Modularität: Austauschbare Line Replaceable Units (LRU) mit standardisierten Steckverbindungen
  • Software-Offenheit: Dokumentierte APIs zwischen Missionssoftware-Modulen; Fähigkeit zur Entwicklung eigener Module (nationale Kryptografie, Datenlink-Konfigurationen, taktische Datenbanken)
  • Waffenintegration: Standardisierte Schnittstellen (MIL-STD-1760 oder gleichwertig), die Integration europäischer Bewaffnung ohne Genehmigung des Herstellers ermöglichen

Gegenbeispiel F-35: ALIS/ODIN als proprietäres System, bei dem sämtliche Wartungsdaten an Lockheed Martin übermittelt werden [19]. Kein Einblick in Datenflüsse für die Schweiz.

ITAR-Risiken für neutrale Staaten

ITAR (International Traffic in Arms Regulations) ist das US-Exportkontrollrecht für Rüstungsgüter [16]. Bei jedem Waffensystem mit US-Komponenten gilt: Einsatz, Wartung, Waffenintegration und Technologietransfer erfordern US-Genehmigung. Ein Kampfflugzeug unter vollständiger ITAR-Kontrolle ist de facto nicht souverän einsetzbar.

Wichtige Differenzierung: Auch europäische Kampfflugzeuge können teilweise US-Komponenten enthalten (z.B. Gripen E: GE F414-Triebwerk, ca. 1/3 US-Komponenten [50][51]). Entscheidend ist der Grad der Abhängigkeit: Ein einzelnes austauschbares Triebwerk ist ein anderes Risikoprofil als ein System, das in Gänze unter ITAR steht (F-35). Europäische Exportregime (Frankreich, Schweden, Eurofighter-Konsortium) sind für neutrale Käufer nachweislich weniger restriktiv [17][52].

Transfer of Technology (ToT)

ToT-Stufe Beschreibung Priorität
Stufe 1: Wartung Schweizer Betriebe führen alle Wartungsstufen eigenständig durch MUSS
Stufe 2: Komponenten-Reparatur Reparatur von Schlüsselkomponenten (Triebwerk, Radar, EloKa) in der Schweiz MUSS
Stufe 3: Software-Anpassung Nationale Anpassungen (Kryptografie, Datenlink-Profile, taktische Datenbanken) MUSS
Stufe 4: Teilfertigung Fertigung ausgewählter Komponenten in der Schweiz (Offset) SOLL
Stufe 5: Waffenintegration Eigenständige Integration und Zertifizierung von Bewaffnung SOLL

Referenzmodell Brasilien-Schweden: Brasilien erhielt beim Gripen-E-Kauf umfassenden Technologietransfer: Quellcode-Zugang, lokale Endmontage bei Embraer, Beteiligung an der Software-Entwicklung, Schulung von über 350 brasilianischen Fachkräften in Schweden [49][53]. Dies gilt als Benchmark für ToT.

3.6 Politische Rahmenbedingungen

ID Anforderung Priorität Begründung
PO-001 Vereinbarkeit mit Schweizer Neutralität MUSS Verfassungsrechtliche Grundlage [44]
PO-002 Parlamentarische und demokratische Legitimation MUSS Air2030: 50.1% Ja [3]
PO-003 Offset-Geschäfte: mind. 60% des Beschaffungswerts MUSS Gesetzliche Vorgabe [48]
PO-004 Budget: max. CHF 6 Milliarden MUSS Bundesbeschluss [4]
PO-005 Plausible Lebenszykluskostenschätzung mit Reserven MUSS Kanada-Erfahrung: +46% [13]
PO-006 Kooperation mit Nachbarstaaten ohne NATO-Beitritt SOLL Luftlageverbund, gemeinsame Übungen [44][47]

3.7 Infrastruktur-Anforderungen

ID Anforderung Priorität Begründung
IF-001 Betrieb ab 3 aktiven Flugplätzen (Payerne, Emmen, Meiringen) MUSS Bestehende Infrastruktur [45]
IF-002 Betrieb ab Ausweichstandorten (Zivilflugplätze, Autobahnabschnitte) SOLL Dezentralisierung [45]
IF-003 Kavernenkompatibilität (Meiringen) SOLL Kaverne für F/A-18 umgebaut (CHF 120 Mio.) [46]
IF-004 Startbahnlänge: Betrieb ab 2'000 m SOLL Meiringen: 2'020 m, Payerne: 2'985 m
IF-005 Treibstoffkompatibilität (JP-8 / Jet A-1) MUSS Standard

4. Europäische Alternativen: Anbieter-Matrix

4.1 Kandidaten

Die drei europäischen Kampfflugzeuge, die für eine Schweizer Beschaffung in Frage kommen:

  1. Saab Gripen E (Schweden) -- Einmotorig, leicht, für kleine Luftwaffen und dezentrale Operationen konzipiert
  2. Dassault Rafale F4 (Frankreich) -- Zweimotorig, multirole, kampferprobt, ITAR-frei konzipiert
  3. Eurofighter Typhoon Tranche 4 (Deutschland/Spanien/Italien/UK) -- Zweimotorig, Luftüberlegenheitskampfflugzeug, Konsortium aus 4 Nationen

4.2 Bewertungskriterien mit Gewichtung

Die Gewichtung orientiert sich am AHP-Verfahren (Analytic Hierarchy Process) und priorisiert die als MUSS klassifizierten Anforderungen:

Kriterium Gewichtung Begründung
Souveränität (OSA, Quellcode, ITAR-Freiheit, ToT) 25% MUSS-Anforderungen SO-001 bis SO-006; für neutralen Staat existenziell
Verfügbarkeit (MC Rate) 20% MUSS-Anforderung LO-001/LV-003; bei kleiner Flotte überlebenswichtig
Betriebskosten (CPFH, LCC) 15% SOLL-Anforderung LO-003; bestimmt Flugstundenproduktion im Budget
Wirksamkeit (Luftkampf, Sensorfusion) 15% MUSS-Anforderungen TA-001 bis TA-013
Schweiz-Kompatibilität (Infrastruktur, Dezentralisierung) 10% MUSS-Anforderungen IF-001 bis IF-005, LV-004
Offsets und Industriebeteiligung 10% MUSS-Anforderung PO-003
Kooperation Nachbarstaaten 5% SOLL-Anforderung PO-006

4.3 Bewertung Gripen E

Kriterium Bewertung Begründung
Souveränität 4/5 Umfassendster Quellcode-Zugang aller westlichen Kampfflugzeuge (Referenz Brasilien-Vertrag mit Zugang zur Missionssoftware und lokaler Endmontage [49][53]). Offene Avionik-Architektur, dokumentierte Schnittstellen. Einschränkung: Ca. 1/3 US-Komponenten, insbesondere GE F414-Triebwerk (RM16), unterliegen ITAR [50][51]. Dies ist ein geringeres Risiko als bei der F-35 (Gesamtsystem unter ITAR), aber nicht vernachlässigbar.
Verfügbarkeit 5/5 Gripen C/D: regelmässig >90% MC Rate, Spitzen 95% [54]. Gripen E bei CRUZEX 2024 (Brasilien): fast jeden Tag waren alle sieben Flugzeuge auf der Flightline verfügbar [55]. In der Schweizer Evaluation erreichte der Gripen E über 85% mit minimalem Support [54].
Betriebskosten 5/5 Tiefste CPFH aller westlichen Kampfjets dieser Klasse [56]. Einmotoriges Design reduziert Treibstoff- und Wartungskosten strukturell.
Wirksamkeit 3/5 Leonardo Raven ES-05 AESA-Radar mit innovativem repositionierbarem Antenna (+-100 Grad Field of Regard) [57]. Meteor-Integration (BVR) und IRIS-T (WVR). Gute Sensorfusion. Einschränkung: Geringere Nutzlast und Reichweite als Rafale/Eurofighter (einmotorig, leichtere Plattform).
Schweiz-Kompatibilität 5/5 Explizit für dezentrale Operationen konzipiert: Strassenstarts, kurze Pisten, kleine Logistik-Footprints, schnelle Turnaround [53]. Ideal für die Schweizer Doktrin mit 3 Flugplätzen und Ausweichstandorten.
Offsets 5/5 Brasilien-Modell zeigt maximalen ToT mit lokaler Endmontage. Kolumbien (2025): USD 3.6 Mrd.-Vertrag mit umfassenden Offsets [58]. Saab hat Kanada explizit 12'600 Arbeitsplätze bei 72 Gripen angeboten [59].
Kooperation 3/5 Kein direktes Nachbarland fliegt Gripen. NATO-kompatibel via Link 16. Schweden als ehemals neutraler Staat versteht die Schweizer Anforderungen historisch besser als grosse NATO-Industriestaaten.

Gewichtete Gesamtpunktzahl Gripen E: 4.35 / 5.00

4.4 Bewertung Rafale F4

Kriterium Bewertung Begründung
Souveränität 4/5 Dassault hat den Rafale gezielt ITAR-frei konzipiert [52][60]. Einschränkung: Quellcode-Zugang verhandelbar, aber nicht garantiert -- Frankreich verweigerte Indien den Quellcode-Zugang für 114 Rafale (2026) [62].
Verfügbarkeit 4/5 Armée de l'Air: 75-80% MC Rate [54][63]. Deutlich über F-35-Niveau, aber unter Gripen-Werten.
Betriebskosten 3/5 EUR 14'000-20'000 CPFH (französische Angaben) [63]. Zweimotoriges Design erhöht Treibstoffverbrauch.
Wirksamkeit 5/5 RBE2 AESA-Radar (Thales), SPECTRA EloKa-Suite, Meteor + MICA-Bewaffnung, IRST. Kampferprobt: Operationen in Mali, Libyen, Syrien, Irak über Jahrzehnte [60].
Schweiz-Kompatibilität 3/5 Grössere, schwerere Plattform als Gripen E. Nicht primär für dezentrale Operationen konzipiert. Zweimotorig bietet jedoch Sicherheitsvorteil bei Einmotorenausfall über Alpen.
Offsets 3/5 Frankreich bietet ToT, aber mit Einschränkungen. Offset-Quoten historisch tiefer als bei Saab.
Kooperation 4/5 Frankreich ist direktes Nachbarland. Armée de l'Air fliegt Rafale. Gemeinsame Übungen und Luftraumkoordination bereits etabliert.

Gewichtete Gesamtpunktzahl Rafale F4: 3.80 / 5.00

4.5 Bewertung Eurofighter Typhoon Tranche 4

Kriterium Bewertung Begründung
Souveränität 3/5 Europäische Exportkontrollen (weniger restriktiv als ITAR). Einschränkung: Konsortium-Struktur (4 Nationen) erschwert Entscheidungen. Deutschland hat in der Vergangenheit Exporte blockiert. Tranche 4 mit ECRS Mk 1 nutzt Open Architecture Mission System [64][65].
Verfügbarkeit 3/5 Ca. 60-70% MC Rate. Wartungsaufwand höher als bei Gripen und Rafale [66].
Betriebskosten 2/5 Höchste CPFH der drei europäischen Kandidaten. Ca. EUR 36'000 (UniBw München 2013) bis USD 60'000-65'000 (neuere Schätzungen) [66][67].
Wirksamkeit 4/5 Captor-E AESA-Radar (ECRS Mk 1) für Tranche 4 [64][65]. Meteor-Integration, gute Flugleistungen (Supercruise). Pirate IRST serienmässig.
Schweiz-Kompatibilität 3/5 Grössere Plattform, nicht für dezentrale Operationen konzipiert. Braucht vollwertige Militärflugplätze.
Offsets 4/5 Deutschland und Italien sind Nachbarländer und Konsortium-Partner. Potenzial für umfassende industrielle Beteiligung.
Kooperation 5/5 Deutschland, Italien und Österreich fliegen oder beschaffen Eurofighter -- alle sind Nachbarstaaten der Schweiz.

Gewichtete Gesamtpunktzahl Eurofighter Typhoon T4: 3.20 / 5.00

4.6 Gesamtergebnis

Rang Kandidat Gewichtete Punktzahl
1 Gripen E 4.35 / 5.00
2 Rafale F4 3.80 / 5.00
3 Eurofighter Typhoon T4 3.20 / 5.00

Der Gripen E erzielt die höchste Punktzahl aufgrund der überlegenen Kombination aus Souveränität, Verfügbarkeit, Betriebskosten und Schweiz-Kompatibilität. Einschränkung Wirksamkeit: Der Gripen E hat bei der Wirksamkeit (3/5) die tiefste Bewertung. Die einmotorige, leichtere Plattform hat geringere Nutzlast und Reichweite als Rafale oder Eurofighter. Für die Schweizer Szenarien (Luftpolizei, Luftverteidigung im eigenen Luftraum) ist dies akzeptabel.

Bewertung europäischer Alternativen: Gripen E, Rafale F4, Eurofighter Typhoon T4
Eigene Bewertung auf Basis öffentlich verfügbarer Quellen (GAO, Herstellerangaben, unabhängige Analysen). Die Gewichtung folgt dem AHP-Verfahren.


5. Strategische Optionen: Wie weiter?

5.1 Option A: Rein europäische Flotte (Idealfall)

Konfiguration: 55-60 Gripen E (oder ein anderes europäisches Muster)

Vorteile:

  • Maximale Souveränität -- keine ITAR-Abhängigkeit für das Gesamtsystem
  • Höchste Verfügbarkeit (>90% MC Rate bei Gripen)
  • Eine einzige Logistikkette, ein Ausbildungspfad
  • Nahe an der Expertenforderung von 55-70 Kampfflugzeugen [11]

Nachteile:

  • F-35-Vertrag bereits unterzeichnet (September 2022) -- Ausstiegskosten hoch
  • Politisch schwierig: Bundesrat hat Typenentscheid getroffen
  • Verzicht auf F-35-Sensorfusionsvorteile

Realistische Einschätzung: Diese Option wäre anforderungsbasiert ideal, ist aber aufgrund des bestehenden Vertrags politisch kaum umsetzbar, es sei denn, die Kostensteigerungen werden so massiv, dass ein Vertragsausstieg wirtschaftlich vertretbar wird.

5.2 Option B: High-Low-Mix (realistischer Kompromiss)

Konfiguration: 15 F-35A + 35 Gripen E = 50 Kampfflugzeuge

Kostenberechnung

Position Menge Stückpreis (geschätzt, inkl. Initiallogistik) Summe
F-35A 15 ca. CHF 190 Mio. CHF 2.85 Mrd.
Gripen E 35 ca. CHF 90 Mio. (basierend auf Brasilien/Kolumbien-Deals [49][58]) CHF 3.15 Mrd.
Total 50 -- CHF 6.00 Mrd.

Hinweis zu den Stückpreisen: Die Gripen-E-Stückpreise variieren je nach Vertragskonfiguration erheblich. Für diese Berechnung wird ein konservativer Mittelwert von CHF 90 Mio. verwendet, der ein solides Logistik- und ToT-Paket einschliesst. Die tatsächlichen Kosten müssten in einer formellen Evaluation ermittelt werden.

Kostenvergleich: Gleicher Finanzrahmen, mehr Flugzeuge
Eigene Berechnung. Option B ermöglicht 50 statt maximal 35 Kampfflugzeuge im gleichen Budget von CHF 6 Milliarden.

Aufgabenteilung

Auftrag F-35A (15 Stück) Gripen E (35 Stück)
Luftpolizei 24/7 QRA Reserve / Spitzenbelastung Primär (tiefe CPFH, hohe MC Rate)
Luftverteidigung Ernstfall Primär (Sensorfusion, BVR, vernetzter Kampf) Sekundär (WVR, Aufklärung, Unterstützung)
Ausbildung Sekundär Primär (tiefere Kosten, höhere Verfügbarkeit)
Alltagsbetrieb / Grossanlässe Sekundär (Schonung teurer Flugstunden) Primär

Vorteile

  • 50 statt maximal 35 Kampfflugzeuge im gleichen Budget -- deutlich mehr Kampfkraft
  • Risikodiversifikation: Kein Single-Source-Risiko; wenn die F-35-Lieferkette unterbrochen wird, bleibt der Grundbetrieb mit Gripen gesichert
  • Souveräner Grundbetrieb: Der Luftpolizeidienst -- 365 Tage, 24 Stunden -- wäre nicht von US-Freigaben abhängig
  • Höhere Alltagsverfügbarkeit: 35 Gripen x 90% MC = ~32 verfügbar vs. 35 F-35A x 51% MC = ~18 verfügbar
  • Näher an Expertenforderung: 50 Jets vs. 55-70 gefordert [11]

Verfügbarkeitsvergleich

Konfiguration Flottengrösse MC Rate Einsatzfähig
35 oder weniger F-35A (Status Quo) max. 35 ca. 51% [9] ~18
15 F-35A + 35 Gripen E (Option B) 50 F-35: 51%, Gripen: 90% ~8 F-35 + ~32 Gripen = ~40

Verfügbarkeitsvergleich: Option C (Status Quo) vs. Option B (High-Low-Mix)
Eigene Berechnung auf Basis der MC Rates: F-35A ca. 51% (GAO-24-106703), Gripen E >90% (Saab/Herstellerangaben).

Nachteile

  • Zwei Logistikketten: Unterschiedliche Ersatzteile, Werkzeuge, Dokumentation -- erhöhte Komplexität
  • Zwei Ausbildungspfade: Piloten und Techniker müssen für beide Muster ausgebildet werden
  • Politisch schwierig: Bestehender F-35-Vertrag müsste reduziert werden

Machbarkeit: Die Schweiz betrieb bis 2003 gleichzeitig F/A-18 Hornet, F-5 Tiger und Mirage III -- drei Muster parallel. Kanada diskutiert 2026 aktiv einen Mixed-Fleet-Ansatz mit F-35 und Gripen E [59][68].

5.3 Option C: Status Quo beibehalten (35 oder weniger F-35A)

Konfiguration: Maximal mögliche Anzahl F-35A im Budget von CHF 6 Mrd. (35 oder weniger Stück)

Vorteile:

  • Keine Vertragsneuverhandlungen nötig
  • Eine Logistikkette, ein Ausbildungspfad
  • Zugang zu F-35-Sensorfusion und vernetztem Kampf (wenn funktionsfähig)

Risiken:

Risikokategorie Beschreibung Betroffene Anforderungen
ITAR-Vollabhängigkeit Gesamtes Waffensystem unter US-Exportkontrolle SO-001, SO-004, SO-005, SO-006
MC Rate <80% 51% flottenweite Verfügbarkeit; bei 35 Jets: nur ~18 einsatzfähig LO-001, LV-003, LV-010
ALIS/ODIN-Datenabfluss Wartungs- und Missionsdaten fliessen an LM/US-DoD SO-002, SO-003
MDF unter US-Kontrolle "Gehirn" des Jets nicht in Schweizer Hand SO-001, SO-003, LV-007
Kostensteigerungen +46% (Kanada), +44% Sustainment global, CHF 0.65-1.3 Mrd. Mehrkosten CH PO-004, PO-005, LO-003
Kein Quellcode 25+ Mio. Zeilen Code unter US-Kontrolle SO-003, SO-005
Kleinste Flotte Max. 35 Jets vs. Expertenforderung 55-70 LV-010

Fazit Option C: Dies ist die risikoreichste Option. Alle Souveränitäts-, Verfügbarkeits- und Kostenrisiken bleiben bestehen. Die Flotte ist die kleinste aller drei Optionen und erfüllt mehrere MUSS-Anforderungen nicht oder nur unter optimistischen Annahmen.


6. Europäische Kooperation: ESSI und ergänzende Technologien

6.1 European Sky Shield Initiative (ESSI)

Die Schweiz hat am 17. Oktober 2024 die Beitrittserklärung zur ESSI unterzeichnet und ist das 15. Mitglied der Initiative [39][40].

Parameter Wert
Beitritt Schweiz 17. Oktober 2024 (MoU und Beitrittserklärung)
Anzahl ESSI-Mitglieder 15 (Stand 2024)
Beschaffungsfokus Schweiz Patriot (BODLUV) + IRIS-T SLM (5 Systeme, CHF 660 Mio.)
Neutralitätswahrung Unilaterale Beitrittserklärung mit Suspendierungsklausel

6.2 Warum Kooperation physikalisch notwendig

  • Hyperschall von Grenze nach Bern: <45 Sekunden bei Mach 8
  • Marschflugkörper: Nutzen Terrain Masking in Alpentälern; FLORAKO-Radar endet an der Grenze
  • Ohne europäische Sensordaten: Reaktionszeit zu kurz für Verteidigung
  • ESSI-Vorteil: "Recognized Air Picture" (RAP) erweitert virtuellen Detektionshorizont um 300-500 km [37][39]

6.3 Neutralitätskonformität

Die Schweiz hat ihre Vorbehalte unter dem Neutralitätsrecht in einer öffentlichen unilateralen Beitrittserklärung festgehalten [40][41]:

  • Suspendierungsklausel: Rückzug bei bewaffnetem Konflikt eines ESSI-Mitglieds möglich
  • Fokus auf Beschaffung, nicht Operation: ESSI ist eine Beschaffungskooperation, keine operative Integration
  • Entscheidungsautonomie: Die Schweiz behält das Recht, über ihr Beteiligungsniveau zu entscheiden
  • Passiver Informationsempfang: Empfang von Lagedaten ("kooperative Sicherheit") ist kein Bündnisbeitritt

6.4 Ergänzende Technologien (Ausblick)

Technologie Beschreibung Relevanz für die Schweiz Quelle
Passive Coherent Location (PCL) Passivradar (z.B. Hensoldt TwInvis): nutzt DAB+/5G-Signale, emittiert nichts, 250 km Reichweite Ideal für Alpentäler: DAB+-Signale fluten Täler, Radar ohne emittierende Quelle [69][70]
Akustische Drohnendetektion Sensornetzwerke mit KI-basierter Klangerkennung Lessons Learned Ukraine: 14'000+ Sensoren, Drohnen-Detektion ca. 5 km [71][72]
Gerichtete Energiewaffen (DEW) Hochenergielaser (Rheinmetall Skyranger 30 HEL, 20-100 kW) Gegen Drohnen, <9 EUR/Schuss vs. Mio. für Rakete [73]
High-Power Microwave (HPM) Epirus Leonidas: 49-Drohnen-Schwarm mit einem Puls neutralisiert (100% Erfolgsrate, Aug. 2025) Kosteneffizienz: ca. 5 US-Cent/Abschuss [74]

7. Schlussfolgerung und Empfehlung

7.1 Empfehlung: Option B (High-Low-Mix, 15 F-35A + 35 Gripen E)

Die Analyse der MUSS-Anforderungen, der Bedrohungslage und der europäischen Kandidaten führt zu einer klaren Empfehlung: Option B -- ein High-Low-Mix aus 15 F-35A und 35 Gripen E -- ist die Konfiguration, die die definierten Anforderungen am besten erfüllt.

7.2 Begründung

MUSS-Anforderung Option B (15 F-35 + 35 Gripen) Option C (35 oder weniger F-35)
SO-001: Autonomer Betrieb Grundbetrieb (Gripen) souverän Vollständig abhängig von US-Freigaben
SO-004: Kein ITAR-Lock-in Gripen-Anteil reduziert Gesamtabhängigkeit Gesamtsystem unter ITAR
LO-001/LV-003: MC Rate >80% ~40 von 50 einsatzfähig (~80%) ~18 von 35 einsatzfähig (~51%)
LV-007: Durchhaltefähigkeit Gripen-Ersatzteile unabhängig beschaffbar Völlige Abhängigkeit von US-Lieferketten
LV-010: Flottenumfang 50 Flugzeuge Max. 35 Flugzeuge
PO-004: Budget CHF 6 Mrd. Im Budget (15 x 190 + 35 x 90 = 6.0 Mrd.) Im Budget (bei Reduktion auf 35 oder weniger)
LO-003: CPFH Durchschnitt deutlich tiefer (Grossteil auf Gripen) USD 34'000-36'000 pro Stunde

7.3 Risikobewertung der drei Optionen

Risiko Option A (60 Gripen) Option B (15 F-35 + 35 Gripen) Option C (35 oder weniger F-35)
Souveränitätsrisiko Tief Mittel (nur F-35-Anteil) Hoch
Verfügbarkeitsrisiko Tief (>90% MC) Tief (Gesamtflotte ~80%) Hoch (51% MC)
Kostenrisiko Tief Mittel (F-35-Anteil) Hoch (Kanada: +46%)
Politisches Risiko Hoch (Vertragsausstieg) Mittel (Vertragsreduktion) Tief (Status Quo)
Logistik-Komplexität Tief (1 Muster) Mittel (2 Muster) Tief (1 Muster)
Fähigkeitslücke Sensorfusion Mittel Tief (F-35 für High-End) Tief
Flottengrösse-Risiko Tief (55-60 Jets) Tief (50 Jets) Hoch (max. 35 Jets)

Risikobewertung der drei strategischen Optionen
Eigene Analyse auf Basis der identifizierten Risikokategorien. Grün = Tief, Orange = Mittel, Rot = Hoch.

7.4 Abschliessende Bewertung

Option B bietet den besten Kompromiss zwischen:

  • Realismus (bestehender F-35-Vertrag wird angepasst, nicht aufgelöst)
  • Souveränität (Grundbetrieb auf europäischem Muster)
  • Kampfkraft (F-35 für Sensorfusion und vernetzten Kampf erhalten)
  • Flottengrösse (50 statt max. 35 -- näher an Expertenforderung)
  • Verfügbarkeit (~40 einsatzfähige Jets statt ~18)
  • Budgetkonformität (CHF 6 Mrd.)

Die Entscheidung erfordert politischen Mut, denn sie bedeutet eine Abweichung vom bestehenden Plan. Aber die Fakten -- dokumentierte ITAR-Risiken, 51% Verfügbarkeitsrate, +46% Kostensteigerung in Kanada, Reduktion auf 35 oder weniger Stück wegen gestiegenen Preisen -- legen nahe, dass der bestehende Plan die eigenen Anforderungen nicht erfüllt.


Quellenverzeichnis

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[2] VBS: Air2030 -- Schutz des Luftraumes (Vertragsübersicht)
[3] Bundeskanzlei: Volksabstimmung 27. September 2020 -- Beschaffung neuer Kampfflugzeuge
[4] VBS (Dezember 2025): Air2030 -- Schweiz beschafft maximal mögliche Anzahl F-35A
[5] SRF (2025): Die Schweiz beschafft weniger F-35-Kampfjets als erwartet
[6] NZZ (2025): Die Schweiz muss bei der Beschaffung der F-35-Kampfjets Mehrkosten akzeptieren
[7] Flugrevue (2025): Schweiz reduziert F-35-Bestellung wegen explodierender Kosten
[8] VBS (Juni 2025): Air2030 -- Aktuelle Herausforderungen und weiteres Vorgehen (Festpreis)
[9] GAO-24-106703: F-35 Sustainment -- Costs Continue to Rise While Planned Use and Availability Have Decreased
[10] GAO-24-106703: F-35 Sustainment (PDF)
[11] VBS (2017): Luftverteidigung der Zukunft -- Bericht der Expertengruppe NKF (PDF)
[12] GAO Blog (2024): The F-35 Will Now Exceed $2 Trillion As the Military Plans to Fly It Less
[13] The Globe and Mail (2025): Canada's F-35 fighter jets purchase will cost nearly 50% more than disclosed, A-G finds
[14] CBC News (2025): F-35 program facing skyrocketing costs, pilot shortage and infrastructure deficit: AG report
[15] GAO-25-107632: F-35 Joint Strike Fighter -- Actions Needed to Address Late Deliveries
[16] U.S. Department of State: International Traffic in Arms Regulations (ITAR)
[17] European Security & Defence (2022): ITAR-Related Obstacles to Exports
[18] USNI News (2014): Foreign F-35 Partners Allowed More Freedom to Customize Fighter Software
[19] Infodas: Solving data sovereignty issues with the F-35 ALIS/ODIN system
[20] Air & Space Forces Magazine: F-35 Program Dumps ALIS for ODIN
[21] Airforce Technology (2021): Norway receives F-35 mission data file from USAF
[22] flyajetfighter.com: F-35 flight data -- a strategic asset but a source of dependence on Washington
[23] The War Zone (2025): You Don't Need A Kill Switch To Hobble Exported F-35s
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[25] CSIS: The Great Unwinding -- The U.S.-Turkey Arms Sales Dispute
[26] Simple Flying: Countries The United States Has Banned From Buying The F-35
[27] RUSI (2024): The Attritional Art of War -- Lessons from the Russian War on Ukraine
[28] RUSI (2025): Tactical Developments During the Third Year of the Russo-Ukrainian War (PDF)
[29] CSIS (2025): Lessons from the Ukraine Conflict
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[31] IFSH: Hyperschallwaffen in Europa (PDF)
[32] CSIS (2025): Russia's Intense Air Campaign in October
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[34] CSIS (2024): Russia's Shadow War Against the West
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[36] SRF (2025): NDB-Lagebericht
[37] SWP (2023): Russian Missiles and the European Sky Shield Initiative
[38] armasuisse: Hyperschall-Gleitflugkörper
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[40] admin.ch (2024): Switzerland Signs Declaration of Accession to ESSI
[41] Defense News (2024): Switzerland Squares Neutrality With Its European Air-Defense Push
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[43] VBS: Air2030 -- Schutz des Luftraumes (Grossanlässe)
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