Prognose: Bis 2045 wird KI bei der Diagnose seltener Krankheiten besser sein als der beste menschliche Spezialist. Die durchschnittliche Lebenserwartung in der Schweiz wird auf über 95 Jahre steigen.
Krankheit ist in weiten Teilen ein Informationsproblem: Der Körper sendet Signale, die zu schwach, zu komplex oder zu zahlreich sind, um von einem menschlichen Arzt vollständig gedeutet zu werden. KI kann diese Signale lesen.
Bereits heute diagnostizieren KI-Systeme bestimmte Hautkrebsarten mit höherer Genauigkeit als erfahrene Dermatologen [1]. DeepMinds AlphaFold hat die Proteinstruktur-Vorhersage -- ein Problem, an dem Biologen seit fünfzig Jahren arbeiteten -- in Monaten gelöst [2]. Das sind keine Laborexperimente mehr. Es sind Werkzeuge, die in klinische Praxis übergehen.
Szenario für 2040: Eine kontinuierliche Gesundheitsüberwachung über tragbare Sensoren wird Standard sein. Herzrhythmus, Blutdruck, Blutzucker, Entzündungsmarker, Schlafqualität -- alles in Echtzeit erfasst, von KI analysiert, mit Millionen anonymisierter Patientendaten verglichen.
Das Universitätsspital Zürich und das CHUV Lausanne kooperieren bereits mit ETH und EPFL, um KI in die klinische Diagnose zu integrieren [3].
Stammzellen des Patienten, die im Jugendalter eingefroren wurden, ermöglichen es, beschädigte Organe durch massgeschneiderte Ersatzteile zu ersetzen -- ohne Abstossungsreaktion, ohne lebenslange Immunsuppression. Was heute als experimentelle Medizin gilt, wird zur Routinetherapie.
Das Herz, das nach Jahrzehnten versagt, bekommt einen Nachfolger aus dem eigenen Körpergewebe. Erste klinische Studien mit aus Stammzellen gezüchtetem Gewebe laufen bereits in Japan und den USA [4].
Die heutige Medizin behandelt Krankheiten nach Durchschnittswerten: Ein Medikament, eine Dosis, für alle. Personalisierte Medizin kehrt dieses Prinzip um. KI analysiert Millionen von Patientenakten, genetischen Profilen und Behandlungsergebnissen und identifiziert, welche Therapie für welchen Patienten am besten wirkt.
Prognose: Die Lebenserwartung in der Schweiz, die heute bei 84 Jahren liegt, wird auf über 95 steigen -- nicht in körperlichem Verfall, sondern in anhaltender Gesundheit [5].
Die grosse Frage: Wer profitiert? Die Kosten für medizinische Grundversorgung werden drastisch sinken, weil KI-Diagnostik billiger ist als Facharztkonsultationen. Aber die grossen Profiteure könnten jene Unternehmen sein, die die medizinischen KI-Systeme besitzen -- sofern keine politische Regulierung greift.
Die Schweiz steht hier vor einer Grundsatzentscheidung: Wird KI-gestützte Medizin ein öffentliches Gut oder ein Premiumservice? Die Antwort wird darüber entscheiden, ob die medizinische Revolution allen zugutekommt oder die Ungleichheit verstärkt.
[1] Esteva, Andre et al.: Dermatologist-level classification of skin cancer with deep neural networks. Nature 542, 2017, S. 115--118.
[2] Jumper, John et al.: Highly accurate protein structure prediction with AlphaFold. Nature 596, 2021, S. 583--589.
[3] ETH AI Center / Universitätsspital Zürich: KI in der klinischen Diagnostik -- Kooperationsprogramm. ai.ethz.ch, 2024.
[4] Yamanaka, Shinya: Induced Pluripotent Stem Cells: Past, Present, and Future. Cell Stem Cell 10(6), 2012, S. 678--684.
[5] Bundesamt für Statistik BFS: Lebenserwartung in der Schweiz. Neuenburg, 2024. (Aktueller Wert: 84,0 Jahre.)