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Arbeitsmarkt -- Ein Gedankenexperiment mit Schweizer Zahlen

Die Ausgangslage

Die folgenden Berechnungen verwenden ausschliesslich öffentlich zugängliche Daten. Sie laden ein, die Rechnung selbst nachzuvollziehen -- Schritt für Schritt, ohne Panikmache, ohne Beschönigung.

Schritt 1: Wie viele Menschen arbeiten in der Schweiz?

Das BFS zählt Ende 2024 rund 5,5 Millionen Beschäftigte. Der Medianlohn liegt bei 7'024 Franken brutto pro Monat -- rund 84'000 Franken im Jahr. [1]

Schritt 2: Was zahlt jede Stelle an den Staat?

Auf jeden Franken Bruttolohn fallen Abgaben an -- fast die Hälfte:

  • AHV/IV/EO: 10,6 % (Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam)
  • Arbeitslosenversicherung ALV: 2,2 %
  • Berufliche Vorsorge BVG: durchschnittlich 18 %
  • Einkommenssteuer (Bund, Kanton, Gemeinde): effektiv rund 17 %
  • Total: rund 48 % des Bruttolohns

Bei einem Durchschnittslohn von 84'000 Franken sind das rund 40'000 Franken pro Stelle und Jahr an Sozialversicherungen und Steuern. Multipliziert mit 5,5 Millionen Stellen: 220 Milliarden Franken pro Jahr -- die gesamte lohnabhängige Staatsfinanzierung der Schweiz. [2]

Die drei Wellen der Automatisierung

Welche Berufe wann betroffen sind -- Automatisierungsrisiko durch KI

Schritt 3: Welche Berufe trifft die KI?

Die KOF ETH Zürich, McKinsey und Avenir Suisse haben die Schweizer Berufslandschaft analysiert. Das Muster ist klar: kognitive Routinearbeit trifft es zuerst, kreative und physisch anspruchsvolle Arbeit zuletzt. [3] [4]

Erste Welle (bis 2032): Sachbearbeiter, Buchhalter, Kassierer, Call-Center-Mitarbeiter, Übersetzer, Steuerberater. Die KOF ETH mass bereits in den ersten acht Monaten nach dem Start von ChatGPT einen Rückgang der Stellenausschreibungen für Programmierer um 20 Prozent und für Bildgenerierung um 17 Prozent. Avenir Suisse beziffert die Zahl der Büroarbeiter in direktem KI-Wettbewerb auf 490'000. [5]

Zweite Welle (2033--2040): Bankangestellte, Versicherungsprüfer, Radiologen, Routinejuristen, Grafiker, Nachrichtenjournalisten. Berufe, die Urteilsvermögen erfordern -- aber ein Urteilsvermögen, das auf Mustererkennung beruht.

Dritte Welle (ab 2040): Programmierer, Logistiker, teilweise Lehrer und Ärzte. Handwerker, Pflegepersonal, Sozialarbeiter und Kreative bleiben am längsten geschützt.

Schritt 4: Wie viele Stellen verschwinden?

McKinsey schätzt, dass 46 Prozent aller Arbeitsstunden in der Schweiz bereits heute automatisierbar wären. [3] Konservativere Annahmen:

  • Bis 2032: 12 % automatisiert
  • Bis 2040: 32 % automatisiert
  • Bis 2050: 42 % automatisiert

Neue Stellen in der KI-Branche kompensieren etwa 10 Prozent der Verluste. Von den verdrängten finden rund 40 Prozent gleichwertige Arbeit, 30 Prozent schlechter bezahlte Stellen, 30 Prozent werden langfristig erwerbslos.

Die fiskalische Lücke

Schweiz 2024-2050: Bevölkerung wächst, Erwerbsfähige schrumpfen, KI verdrängt

Schritt 5: Was kostet das den Staat?

Jede netto verdrängte Stelle kostet doppelt: entgangene Einnahmen (40'000 Franken) plus zusätzliche Sozialkosten für langfristig Erwerbslose (rund 45'000 Franken pro Person für ALV, Sozialhilfe, Gesundheitskosten, Umschulung).

Jahr Netto verdrängte Stellen Entgangene Einnahmen Sozialkosten jährliche Lücke
2032 636'000 15 Mrd. 9 Mrd. 24 Mrd. CHF
2040 1'640'000 39 Mrd. 22 Mrd. 61 Mrd. CHF
2050 2'000'000 48 Mrd. 27 Mrd. 75 Mrd. CHF

Schritt 6: Der Teuerungseffekt

75 Milliarden sind die Lücke in heutigen Franken. Aber die Löhne steigen, und mit ihnen die pro Stelle entgangenen Abgaben. Die SNB prognostiziert für 2025--2027 eine Teuerung von 0,2 bis 0,6 Prozent. Der IWF rechnet für 2028--2030 mit 0,7 Prozent. Langfristig: 1,5 Prozent pro Jahr. [6] [7]

Kumuliert ergibt das bis 2050 einen Lohn-Korrekturfaktor von 1,545. Aus 75 Milliarden realer Lücke werden 116 Milliarden nominale Lücke.

Schritt 7: Ist das realistisch?

Was dafür spricht: Die Automatisierungsraten liegen unter dem McKinsey-Potenzial von 46 Prozent. Die demografische Alterung ist mathematisch sicher -- die Baby-Boomer sind geboren, ihre Pensionierung ist kein Szenario, sondern ein Datum. Die Uhrenindustrie verlor in der Quarzkrise über 60 Prozent ihrer Arbeitsplätze in 15 Jahren.

Was dagegen spricht: Neue Berufe werden entstehen. Regulierung und Gewerkschaften verzögern die Adoption. Produktivitätsgewinne generieren Wachstum. Der Schweizer Arbeitsmarkt ist flexibler als die meisten.

nüchterne Bewertung: Die Prognose von 75 bis 116 Milliarden Franken jährlicher Lücke bis 2050 ist realistisch und eher konservativ. Die grösste Unsicherheit liegt in der Geschwindigkeit.

Fiskalische Lücke: Real vs. Nominal mit Teuerung


Quellen

[1] Bundesamt für Statistik BFS: Schweizerische Lohnstrukturerhebung (LSE) 2022. Medianlohn 7'024 CHF/Monat.

[2] Bundesamt für Sozialversicherungen BSV: Statistiken zur sozialen Sicherheit, AHV/IV-Beiträge 2024.

[3] McKinsey Global Institute: A Future That Works: Automation, Employment, and Productivity. 2017.

[4] Frey, Carl Benedikt; Osborne, Michael A.: The Future of Employment: How Susceptible Are Jobs to Computerisation? Oxford Martin School, 2013.

[5] KOF ETH Zürich: Auswirkungen generativer KI auf den Schweizer Arbeitsmarkt. 2024. Avenir Suisse: Strukturbericht 2024.

[6] Schweizerische Nationalbank SNB: Inflationsprognose, Dezember 2025.

[7] Internationaler Währungsfonds IWF: World Economic Outlook, Inflationsprojektionen 2028--2032.