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Familienbudget -- Was die KI-Transformation konkret bedeutet

Thomas und Sandra aus Ittigen

Zahlen in Milliarden sind abstrakt. Was sie für einzelne Menschen bedeuten, wird an einem konkreten Beispiel sichtbar.

Familienbudget Schweiz 2024-2050: Ausgaben vs. Einkommen

Thomas, 47, ist Sachbearbeiter bei einer Versicherung in Bern. Sandra, 44, arbeitet Teilzeit als Buchhalterin. Zwei Kinder, Hypothek in Ittigen. Ein solides Schweizer Mittelstandsleben, gebaut auf Arbeit, Sparsamkeit und Zuverlässigkeit.

Die Ausgangslage (2024)

Posten Betrag (CHF/Jahr)
Thomas Vollzeit (Medianlohn) 84'000
Sandra Teilzeit (60 %) 50'400
Brutto-Haushaltseinkommen 134'400
Lebenshaltungskosten (Miete, Nahrung, Krankenkasse, Transport, Bildung) 78'000
Steuern und Sozialabgaben ~40'000
Frei verfügbar ~16'000

Nicht üppig, aber machbar. So lebt die Mehrheit der Schweizer Familien. [1]

Was passiert (2029--2040)

Im Frühjahr 2029 teilt man Thomas mit, dass seine Abteilung "restrukturiert" wird. Die KI-Plattform erledigt die Schadenprüfung schneller, präziser, für einen Bruchteil der Kosten. Er ist 47. In der IT-Branche gelten Bewerber ab 45 als schwer vermittelbar. [2]

Drei Jahre später verliert auch Sandra ihre Stelle -- die Buchhaltung wird vollständig automatisiert. Kein Einzelfall. Ein Muster. Es trifft nicht die schwächsten, sondern die Mitte -- die solide Schweizer Mittelschicht.

Sachbearbeiter und Buchhalter gehören zur ersten Welle der KI-Automatisierung (bis 2032) mit einem Automatisierungsrisiko von 85--95 Prozent. [3] [4]

KI-Deflation: Alles wird billiger

Gleichzeitig aber sinken die Lebenshaltungskosten. KI-gestützte Landwirtschaft, automatisierter Transport, KI-Tutoren statt teure Nachhilfestunden. Die technische Deflation drückt die Fixkosten nach unten:

Posten 2024 2035 2050 Veränderung
Wohnen 24'000 20'400 16'800 -30 %
Nahrung 12'000 9'600 7'200 -40 %
Krankenkasse 14'400 12'240 10'080 -30 %
Transport 9'600 6'720 4'800 -50 %
übriges 18'000 14'400 11'700 -35 %
Total Fixkosten 78'000 63'360 50'580 -35 %

Die Cervelat wird billiger, die Miete sinkt, die Krankenkasse auch. Wenn Roboter die Rinder züchten, KI die Logistik optimiert und automatisierte Fabriken produzieren, sinken die Produktpreise drastisch. [5]

Zwei Zukünfte ab 2040

Hier gabelt sich der Weg. Die Technologie ist in beiden Szenarien identisch. Der Unterschied liegt in der Politik.

Szenario A: Ohne Grundeinkommen

Thomas findet nach der Entlassung eine schlechter bezahlte Stelle im Detailhandel. Sandra arbeitet auf Abruf. Zusammen verdienen sie noch 60'000 Franken. Trotz sinkender Kosten schrumpft das frei verfügbare Einkommen auf 14'000 Franken (2050) -- weniger als heute, obwohl alles billiger geworden ist. Warum? Weil das Einkommen noch schneller sinkt als die Kosten. Die Familie verarmt -- nicht absolut, aber relativ. Ferien, Altersvorsorge, Unvorhergesehenes: gestrichen.

Szenario B: Mit Bürgerdividende (BGE)

Eine KI-Wertschöpfungsabgabe finanziert einen nationalen Bürgerfonds. Ab 2040 erhält jede Person eine Dividende -- zunächst 1'250 Franken pro Monat, steigend auf 2'500 Franken bis 2050. [6]

Für Thomas und Sandra bedeutet das: 4 Personen x 2'500 x 12 = 120'000 Franken Bürgerdividende. Plus eventuelle Erwerbsarbeit. Minus die weiterhin sinkenden Kosten. Das frei verfügbare Einkommen steigt auf über 100'000 Franken bis 2050.

Die Schere

Jahr Frei verfügbar OHNE BGE Frei verfügbar MIT BGE
2024 16'000 16'000
2035 12'000 38'000
2040 14'000 72'000
2050 14'000 101'000

Ab 2040 öffnet sich die Schere. Ohne BGE wird die Familie ärmer, obwohl alles billiger wird. Mit BGE wird sie wohlhabender als heute. Der Unterschied liegt nicht in der Technologie. Er liegt in der Politik.

Die Lehre

Das Beispiel von Thomas und Sandra steht für Hunderttausende von Schweizer Familien. Sachbearbeiter, Buchhalterinnen, Analysten, Versicherungsprüfer -- die Mitte der Gesellschaft ist am stärksten betroffen. Nicht die Un- oder Hochqualifizierten, sondern die qualifizierte Routinearbeit.

Die KI-Deflation allein reicht nicht. Wenn das Einkommen schneller sinkt als die Lebenshaltungskosten, verarmt die Mittelschicht -- selbst in einer Welt, in der alles billiger wird. Die zentrale politische Frage lautet: Wer profitiert von den Produktivitätsgewinnen der Maschinen? Nur die Unternehmen, die sie einsetzen? Oder die gesamte Gesellschaft?


Quellen

[1] Bundesamt für Statistik BFS: Haushaltsbudgeterhebung (HABE) 2022. Referenzbudget Familien mit zwei Kindern.

[2] Staatssekretariat für Wirtschaft SECO: Arbeitsmarktindikatoren, Altersstruktur Stellensuchende 2024.

[3] McKinsey Global Institute: A Future That Works: Automation, Employment, and Productivity. 2017.

[4] Frey, Carl Benedikt; Osborne, Michael A.: The Future of Employment. Oxford Martin School, 2013. Automatisierungsrisiko nach Berufsgruppen.

[5] Brynjolfsson, Erik; McAfee, Andrew: The Second Machine Age. W. W. Norton, 2014. Zur technischen Deflation durch Automatisierung.

[6] Alaska Permanent Fund Corporation: Jahresbericht 2022. Dividende pro Einwohner: USD 3'284. Modell für genossenschaftlichen KI-Bürgerfonds.