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Bildung und KI-Kompetenz

Die fünfte Kulturtechnik

Nach Lesen, Schreiben, Rechnen und digitaler Grundkompetenz wird KI-Kompetenz zur fünften Kulturtechnik. Wer nicht versteht, wie ein Algorithmus Entscheidungen trifft, welche Daten er nutzt und wo seine Grenzen liegen, kann weder als Bürger noch als Arbeitnehmer informiert handeln.

Die Schweiz hat die Chance, bei der KI-Bildung weltweit Massstäbe zu setzen -- wenn sie jetzt investiert.

KI-Grundkompetenz ab der Sekundarstufe

Was KI-Kompetenz bedeutet

KI-Kompetenz ist kein Programmierkurs. Es geht um:

  • Kritisches Denken über Algorithmen: Wie entsteht ein Suchergebnis? Warum zeigt mir die App diese Nachricht und nicht jene? Wer profitiert von der Sortierung?
  • Datenschutz-Bewusstsein: Welche Daten gebe ich preis? Was geschieht mit ihnen? Wer hat Zugriff?
  • Erkennung von KI-generierten Inhalten: Deepfakes, synthetische Texte, manipulierte Bilder -- die Fähigkeit, Echtes von Generiertem zu unterscheiden, wird zur demokratischen Grundkompetenz.
  • Verantwortungsvoller Umgang: Wann ist KI-Einsatz sinnvoll, wann problematisch? Welche Entscheidungen sollten Menschen treffen?

Die Dringlichkeit

Die KOF ETH hat gemessen: In den ersten acht Monaten nach dem Start von ChatGPT fielen die Stellenausschreibungen für Programmierer um 20 Prozent und für Bildgenerierung um 17 Prozent [1]. Avenir Suisse beziffert die Zahl der Büroarbeiter in direktem KI-Wettbewerb auf 490'000 [2]. Das sind keine Zahlen für 2040 -- das ist jetzt.

Wer heute die Sekundarstufe verlässt, ohne KI-Kompetenz, betritt einen Arbeitsmarkt, der sich schneller verändert als jede bisherige Umschulung auffangen kann.

ETH und EPFL als nationale Kompetenzzentren

Die ETH Zürich und die EPFL sollen nationale Kompetenzzentren für KI-Bildung werden [3]. Das bedeutet nicht nur Spitzenforschung, sondern auch:

  • Lehrerausbildung: Pädagogen müssen selbst KI verstehen, bevor sie es unterrichten können. ETH und EPFL können Weiterbildungsprogramme für Lehrpersonen aller Stufen anbieten.
  • Lehrplanentwicklung: Altersgerechte Curricula für Sekundarstufe I (Grundlagen), Sekundarstufe II (Vertiefung) und Berufsbildung (Anwendung).
  • Open Educational Resources: Frei zugängliche Materialien in allen vier Landessprachen, damit nicht nur Gymnasiasten in Zürich profitieren, sondern auch Berufslernende in Appenzell.

Lebenslanges Lernen: Keine Option, sondern Notwendigkeit

Die Halbwertszeit beruflichen Wissens sinkt. Was heute gelernt wird, ist in fünf bis zehn Jahren teilweise veraltet. Das betrifft nicht nur IT-Berufe, sondern auch Juristen, Ärzte, Ingenieure und Handwerker, die zunehmend mit KI-gestützten Werkzeugen arbeiten.

Schweizer Berufsbildung als Vorteil

Das duale Bildungssystem der Schweiz -- die Kombination aus betrieblicher Praxis und schulischer Theorie -- ist ein Standortvorteil [4]. Es ist flexibler als rein akademische Systeme und kann KI-Module schneller in bestehende Lehrpläne integrieren. Berufsverbände, Branchenorganisationen und Betriebe sind direkt eingebunden.

Umschulung der Generation 40+

Die grösste Herausforderung liegt nicht bei den Jungen, sondern bei der Generation 40+. Sachbearbeiter, Buchhalter und Analytiker, die seit zwanzig Jahren denselben Beruf ausüben, brauchen realistische Umschulungswege -- keine sechsmonatigen Bootcamps, die an der Arbeitsrealität vorbeigehen.

Die Schweiz gibt heute rund 40 Milliarden Franken pro Jahr für Bildung aus [5]. Eine gezielte Aufstockung der Mittel für KI-Bildung und Umschulung -- schätzungsweise 500 Millionen bis 1 Milliarde Franken jährlich -- wäre angesichts der fiskalischen Risiken durch Arbeitsplatzverdrängung eine Investition, keine Ausgabe.

KI-gestützte Folgenabschätzungen

Eine besonders vielversprechende Anwendung der KI-Bildung liegt in der Demokratie. Wenn Stimmbürger vor jeder Abstimmung auf verständliche, KI-gestützte Folgenabschätzungen zugreifen können, verbessert das die Qualität demokratischer Entscheidungen (siehe Demokratie).

Voraussetzung dafür ist, dass die Bevölkerung KI-generierte Informationen kritisch einordnen kann. Ohne KI-Kompetenz wird die KI-Folgenabschätzung zum Orakel, dem blind vertraut wird -- das Gegenteil von informierter Demokratie.

Was andere Länder tun

  • Finnland: Das Programm «Elements of AI», 2018 lanciert von der Universität Helsinki, hat über eine Million Teilnehmer weltweit erreicht -- kostenlos, in 25 Sprachen [6].
  • Estland: Programmierunterricht ab der ersten Klasse seit 2012; KI-Module seit 2019 [7].
  • Singapur: AI Singapore (AISG) bietet kostenlose KI-Kurse für alle Bevölkerungsgruppen an, vom Schüler bis zum Rentner [8].

Die Schweiz kann von diesen Modellen lernen -- und sie mit ihrer Stärke in der Berufsbildung verbinden.

Fazit

KI-Bildung ist keine Nischenfrage für Informatiker. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass die Schweizer Bevölkerung die Chancen der KI nutzen und ihre Risiken kontrollieren kann -- als Arbeitnehmer, als Unternehmer und als Stimmbürger.


Quellen

[1] Gmyrek, P. et al.: Generative AI and Jobs. KOF ETH / ILO Working Paper, 2023.

[2] Avenir Suisse: Digitalisierung und Arbeitsmarkt Schweiz, 2024.

[3] Schweizerischer Bundesrat: Strategie Künstliche Intelligenz, 2024.

[4] Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI): Berufsbildung in der Schweiz -- Fakten und Zahlen.

[5] Bundesamt für Statistik (BFS): Öffentliche Bildungsausgaben der Schweiz, 2023.

[6] University of Helsinki / Reaktor: Elements of AI.

[7] Proge Tiger Foundation: Coding in Estonian Schools.

[8] AI Singapore (AISG): AI for Everyone Programme.