¶ Elektronische Kampfführung (EW) — Übersicht
Stand: März 2026.
Elektronische Kampfführung (Electronic Warfare, EW) bezeichnet die Gesamtheit der Massnahmen, die das elektromagnetische Spektrum nutzen, um gegnerische Systeme zu stören, zu täuschen oder aufzuklären. Im Kontext der Drohnenabwehr bildet EW die erste und kostengünstigste Verteidigungslinie — sie kann Drohnen ohne physische Zerstörung neutralisieren, ist jedoch zunehmend mit Herausforderungen durch autonome und glasfasergesteuerte Systeme konfrontiert.
Die meisten Drohnen werden heute nicht abgeschossen, sondern elektronisch gestört — durch Jamming (Störsender) oder Spoofing (Täuschsignale). Elektronische Kampfführung ist die schnellste, billigste und oft effektivste erste Verteidigungslinie.
Worum geht es? Diese Übersicht erklärt die Grundlagen der elektronischen Kampfführung im Kontext der Drohnenabwehr: Wie Störsender funktionieren, wo ihre Grenzen liegen (Glasfaser-Drohnen, autonome Systeme) und welche Schlüsselsysteme im Einsatz sind.
Warum ist das wichtig? EW ist oft der erste Eingriff in der Abwehrkette und kann ganze Drohnenschwärme neutralisieren, bevor kinetische Mittel nötig werden. Gleichzeitig entwickelt sich ein Wettrüsten zwischen Störung und Störresistenz, das die Abwehrplanung ständig herausfordert.
¶ Soft-Kill vs. Hard-Kill — Systematik
Die Drohnenabwehr unterscheidet grundsätzlich zwei Wirkungskategorien:
¶ Soft-Kill (nicht-kinetisch)
Soft-Kill-Verfahren zielen darauf ab, eine Drohne funktionsunfähig zu machen, ohne sie physisch zu zerstören. Die Drohne wird durch Störung ihrer Kommunikations-, Navigations- oder Steuerungssysteme neutralisiert. Typische Methoden sind:
- RF-Jamming: Unterbrechung der Funkverbindung zwischen Drohne und Bodenstation
- GNSS-Jamming: Störung der Satellitennavigation (GPS, GLONASS, Galileo, BeiDou)
- GNSS-Spoofing: Einspeisung falscher Navigationsdaten zur Umleitung der Drohne
- Cyber-Angriffe: Exploitation von Schwachstellen in der Drohnen-Firmware oder -Steuerung
Vorteile: Geringe Kosten pro Einsatz (oft unter 100 USD), keine Kollateralschäden durch Trümmer, schnelle Reaktionszeit, Wirksamkeit gegen Schwärme.
Nachteile: Abnehmende Wirksamkeit gegen autonome Drohnen, keine physische Zerstörung der Nutzlast, Risiko der Störung eigener Systeme (Fratricide).
¶ Hard-Kill (kinetisch/gerichtete Energie)
Hard-Kill-Verfahren zerstören die Drohne physisch — durch Projektile, Lenkflugkörper, Laser oder Hochleistungsmikrowellen. Der Vorteil liegt in der Endgültigkeit: Die Drohne und ihre Nutzlast werden zuverlässig eliminiert. Die Kosten pro Engagement sind jedoch deutlich höher.

¶ Wirkungsspektrum der elektronischen Kampfführung
EW-Massnahmen gegen Drohnen lassen sich in drei Hauptkategorien gliedern:
¶ 1. Elektronischer Angriff (Electronic Attack, EA)
Der aktive Einsatz elektromagnetischer Energie zur Degradierung oder Zerstörung gegnerischer Systeme:
| Methode | Wirkung | Typische Reichweite |
|---|---|---|
| RF-Jamming (breitband) | Unterbrechung der Steuerverbindung | 1–10 km |
| RF-Jamming (gezielt) | Störung spezifischer Frequenzbänder | 2–15 km |
| GNSS-Jamming | Unterbrechung der Satellitennavigation | 5–50 km |
| GNSS-Spoofing | Einspeisung falscher Positionsdaten | 5–30 km |
| Protokoll-Exploitation | Übernahme der Drohnensteuerung | < 5 km |
| HPM-Pulse | Zerstörung der Bordelektronik | 0.5–2 km |
¶ 2. Elektronische Unterstützung (Electronic Support, ES)
Das passive Erfassen und Analysieren elektromagnetischer Emissionen zur Detektion und Klassifizierung von Drohnen. RF-Sensoren können die Funkverbindungen von Drohnen detektieren, die verwendeten Protokolle identifizieren und die ungefähre Position von Drohne und Bediener bestimmen.
¶ 3. Elektronischer Schutz (Electronic Protection, EP)
Massnahmen zum Schutz eigener Systeme vor gegnerischer elektronischer Kriegführung — beispielsweise Frequenzsprungverfahren (Frequency Hopping), verschlüsselte Datenlinks und redundante Navigationssysteme.
¶ Herausforderungen und Grenzen
Der Krieg in der Ukraine hat die Grenzen rein elektronischer Abwehr deutlich aufgezeigt. Gemäss einer Analyse des Royal United Services Institute (RUSI) verlor die Ukraine bis 2024 schätzungsweise 10 000 Drohnen pro Monat — vorwiegend durch Jamming. Doch die Angreifer reagierten rasch:
- Glasfasergesteuerte Drohnen: Seit Sommer 2025 produziert die Ukraine monatlich mindestens 20 000 glasfasergelenkte FPV-Drohnen, Russland rund 50 000. Da die Steuerung physisch über eine Glasfaser erfolgt, sind diese Drohnen gegen RF-Jamming und GPS-Spoofing immun.
- Autonome Navigation: Neuronale Netzwerke ermöglichen optische Navigation ohne GPS oder Funkverbindung. Tests begannen Ende 2024 in der Ukraine.
- Frequenzagilität: Moderne Drohnen wechseln automatisch zwischen Frequenzbändern und erschweren so breitbandiges Jamming.
Diese Entwicklungen verschieben den Fokus der Drohnenabwehr zunehmend von reinem Soft-Kill hin zu einer Kombination aus EW und kinetischen bzw. DEW-Effektoren (Directed Energy Weapons).
¶ Fazit
Elektronische Kampfführung bleibt ein unverzichtbarer Bestandteil jeder Drohnenabwehr-Architektur. Als kostengünstigste Option bietet sie eine erste Verteidigungslinie, die grosse Mengen einfacher Drohnen effektiv neutralisieren kann. Gegen die zunehmend autonomen und drahtgebundenen Systeme der nächsten Generation muss EW jedoch durch kinetische und DEW-Effektoren ergänzt werden — ein Paradigmenwechsel, der sich in den aktuellen Beschaffungsprogrammen westlicher Streitkräfte klar abzeichnet.
Quellen:
[1] NATO STO — Countering Drone Defence Systems at Rheinmetall
[2] IEEE Spectrum — Ukraine's Autonomous Killer Drones Defeat Electronic Warfare
[3] DRONELIFE — Fiber-optic drones in Warfare
[4] IEEE Spectrum — How Autonomous Drone Warfare Is Emerging in Ukraine