Quelle: Botschaft des Bundesrates zu den Bilateralen III, S. 105--107
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Die Auslegung, Anwendung und Überwachung der Binnenmarktabkommen folgen dem Zwei-Pfeiler-Modell: Die Schweiz und die EU ueberwachen die Einhaltung der Abkommen je eigenstaendig in ihrem Hoheitsgebiet. Es gibt kein supranationales Überwachungsorgan (anders als im EWR mit der EFTA-Überwachungsbehoerde). Die einheitliche Auslegung wird durch voelkerrechtliche Grundsaetze und den Dialog zwischen Bundesgericht und EuGH gefoerdert.
Behoerden und Gerichte beider Parteien legen die Abkommen einheitlich aus. Dabei beachten sie:
Ein zentraler Schutzpfeiler für die Schweiz ist die sogenannte Polydor-Rechtsprechung des EuGH (Urteil Polydor, Rs. 270/80, 1982):
Die Rechtsprechung des EuGH zu EU-Binnenmarktrecht kann nicht per se (nicht automatisch) auf bilaterale Abkommen uebertragen werden.
| Aspekt | EU-Binnenmarkt | Bilaterale Abkommen |
|---|---|---|
| Ziel | Vollstaendige wirtschaftliche Integration | Sektorielle, begrenzte Teilnahme |
| Rechtsordnung | Supranational, Vorrang des EU-Rechts | Völkerrechtlich, Gleichrangigkeit |
| Auslegung EuGH | Direkt anwendbar | Nur als Orientierung, nicht per se uebertragbar |
| Dynamik | Automatische Geltung neuen Rechts | Übernahme erfordert Beschluss |
Bedeutung: Die Polydor-Rechtsprechung verhindert, dass der EuGH seine Binnenmarktjudikatur unbesehen auf die bilateralen Abkommen anwendet. Die Abkommen haben einen anderen Kontext und Zweck als der EU-Binnenmarkt.
| Pfeiler | Zustaendigkeit | Behoerde |
|---|---|---|
| Schweizer Pfeiler | Überwachung im Hoheitsgebiet der Schweiz | Schweizer Behoerden und Gerichte (insbesondere Bundesgericht) |
| EU-Pfeiler | Überwachung im Hoheitsgebiet der EU | EU-Organe (insbesondere EU-Kommission und EuGH) |
Im Gegensatz zum EWR, wo die EFTA-Überwachungsbehoerde (ESA) die Einhaltung des EWR-Rechts in den EFTA-Staaten ueberwacht, gibt es bei den Bilateralen III kein solches Organ:
Zur Foerderung der einheitlichen Auslegung ist ein Dialog auf Augenhoehe zwischen dem Bundesgericht und dem EuGH vorgesehen:
| Aspekt | Dialog BG-EuGH | EuGH im SchG-Verfahren |
|---|---|---|
| Art | Freiwillig, informell | Formalisiert, bei Bedarf |
| Initiierung | Durch jedes Gericht | Durch das Schiedsgericht |
| Verbindlichkeit | Orientierung | Bindend für EU-Rechtsfragen |
| Zweck | Kohaerente Auslegung | Klaerung spezifischer Rechtsfragen |
| Kriterium | Bilaterale III | EWR/EFTA |
|---|---|---|
| Überwachung | Zwei-Pfeiler (eigenstaendig) | EFTA-Überwachungsbehoerde (ESA) |
| Gericht | Bundesgericht (CH), EuGH (EU) | EFTA-Gerichtshof |
| Supranational | Nein | Ja (ESA) |
| Dialog | BG-EuGH auf Augenhoehe | EFTA-GH orientiert sich am EuGH |
| Souveränität | Hoeher | Geringer |